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Sunday, 04. December 2016

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03
Feb
2016

Hard Rock vs. EDM

Wieviel EDM steckt im Wacken-Open-Air?

Alleine für diese Frage müsste ich in die Verdammnis der Heavy-Hardrock-Hell geschickt werden. Na klar, wenn es um das weltweit gewaltigste und bekannteste Open-Air-Festival für die härtesten Klänge der Unterhaltungs-Musik geht, bei dem die Bands mit den größten Namen in diesem Genre reihenweise ihre CDs und DVDs aufnehmen, dann scheint diese Frage fast Blasphemie zu sein.

Haben doch die dickplauzigen, langhaarigen, Bier saufenden, Leder bekutteten, voll-gepikerten, gröhlenden Rocker nichts mit den sehnigen, durchgestylten, Designerdrogen konsumierenden, hautenge Glitzerfummel tragenden, durch-gepiercten, kreischenden EDM-Hipsters zu tun.

Was heißt hier: EDM-Festival-Besucher sind ganz anders? Sie sind genauso anders wie zuerst beschriebene Stereo-Typisierung der Wacken-Besucher. Den „Idealtypen“ als Besucher gibt es nicht, denn spätestens beim zweiten Blick fällt auf, wie viele Menschen einfach ein Festival nutzen, um ein verlängertes Wochenende auszubrechen, um jemand anderes zu sein und in eine Parallelwelt zum Alltag einzutauchen.


Zahlreiche EDM-Fans beim Wacken

So ist die erste klare Aussage: Bei den Zuschauern (ver-)stecken (sich) eine ganze Menge EDM-hörende Menschen, die sich einmal im Jahr „gewanden“, um in den Schlamm oder Staub Wackens einzutauchen. Nebenbei bemerkt finden sich noch eine ganze Menge mehr Mitt-40er dort, die sich nie trauten den Rocker-Traum zu leben und nun für ein Wochenende dem Schreibtisch im Amt und Helene Fischer entfliehen, um genau dies zu tun – wenn schon das Geld nicht für die „Daytona Bike Week“ (das größte Harley-Davidson-Treffen der Welt) reicht…

Andererseits finden hier in Rocker-Harmonie Zehntausende „echte“ Metal-Heads der Welt zusammen, ein Familientreffen. Ich habe immer wieder, vor allem mit Südamerikanern gesprochen, bei denen ich bereits fast ein Erhabener war, als ich erzählte, dass ich nur 50 Kilometer von Wacken entfernt wohne. Als ich ausführte, dass ich die ersten Jahre seit 1990 (dem ersten Wacken-Open-Air) immer dabei war und sogar selbst mit auf der Bühne stand, schien mich ein Heiligenschein zu umgeben. (Nebenbei bemerkt waren die ersten Jahre nicht viel anders als jede beliebige Kiesgruben-Fete der 1990er Jahre, mit lokalen Rockbands, die das Festival selbst organisiert haben und ein paar hundert Jugendliche aus der Gegend. Bei Wacken zählten noch ein paar Rocker aus dem lokalen Verein zum Stammpublikum.)

Nun aber, nach Helene Fischer, meiner Spätjugend und EDM’lern in Lederjacken endlich zum eigentlichen Thema, wieviel „elektronische Tanzmusik“ steckt in Wacken? Ich kam erstmals auf die Frage, als Heino mit seinem mehr als fraglichen PR-Verkaufsgag-Album „Mit freundlichen Grüßen“ 2013 in Wacken mit Rammstein auftrat. Arghh. Ist so viel Seelenverkauf – aller Seiten – nur um in die Medien zu kommen erlaubt oder leidet darunter die Glaubwürdigkeit? Auch, wenn es schmerzt, sind die Wacken-Macher ja seit Jahren keine Dorfkumpels mehr, die sich abends beim Bier das nächste Wacken-Open-Air ausdenken. Vielmehr ist W-O-A ein mittlerweile großer Konzern geworden, der gerade immer neue Geschäftsfelder abgrast, wie „Full Metal Mountain“ (Aprés-Ski für Metal-Heads) „Full Metal Cruise“ (Kreuzfahrt für Metal-Heads), „Wacken Winter Nights 2017“ (später Weihnachtsmarkt trifft Mittelalter Flair – mit entsprechender Musik) und mehr. Will Wacken-Open-Air langfristig bestehen, muss es sich am Markt orientieren und das tut es, auch wenn es sich dabei metal-technisch - mal mehr, mal weniger - prostituiert.

Wieviel EDM steckt im Wacken-Open-Air?


Faster, Harder, Louder

Aber EDM? Das gibt es doch noch immer nicht in Wacken, oder? Wäre der Leitspruch: Faster, Harder, Louder nicht von Wacken genutzt, würde er zu jedem EDM-Festival passen, nur sind die Harmonien und das Handwerk dahinter andere. Tatsächlich fallen mir Belege schwerer als gedacht. Bands wie „Eat The Turnbuckle“, „Iron Maiden“ oder „Die Krupps“ kann ich selbst mit viel tricksen nicht EDM andichten. Auch bei den anderen bestätigten Bands – und das sind bereits viele für 2016 – schneidet sehr wenig den EDM-Bereich. Vielleicht muss ich meine Frage ein wenig ändern? Gibt es in Wacken etwas Anderes als Metal und Hardrock in allen Formen? Wenn ich die „Lounge“, „Chill-Out“ und „Deep-Trance“ vom Metal vernachlässige – ich meine damit „Symphonic Metal“, „Pagan“ und Mystik Folk“ – dann gibt es tatsächlich doch ein paar Ausreißer. „Blechblos’n“ zum Beispiel ist eine Kapelle, die Stimmungsmusik mit Bierzelt-Instrumentation spielt. „Torfrock“, als Lokalmatadore, spielen seit fast 40 Jahren humorvolle erdige Rock-Pop-Musik (z.B. auch für die „Werner“-Filme). „Red Hot Chili Pipers“ treten als treibende Dudelsack-Combo auf, die den klassischen „Bag-Rock“ mit interpretierten Cover-Songs vertreten. Und endlich finde ich meine Verbindung zum EDM: „Foreigner“.

Mit 50 Millionen verkauften Tonträgern kann man diese britische Band aus den 1970ern und 1980ern mit Fug und Recht zu den großen Band-Namen des 20. Jahrhunderts zählen. Zu Songs von „Foreigner“ hat jeder schon einmal getanzt, der in einer Oldie-Disco war (manchmal auch bei Ü-30-Partys, wenn der DJ selbst über 40 ist). Und dieser DJ hat sicherlich, wie sehr viele andere über 40-jährige zu „I Want To Know What Love Is“ geknutscht. Zu „Foreigner“ kenne ich endlich eine ganze Reihe an EDM-Remixes, wobei ich den Ruby Cosmo Emergency Remix von „Urgent“ empfehlen möchte. Die Songs von „Foreigner“ sind gitarrengeleitete Pop-Rock-Bretter und übrigens hervorragend geeignet, um sie auch bei Live-Sets zu verwursten.

Wie fällt nun mein Ergebnis aus? Es steckt viel musikalischer Mainstream, aber wirklich wenig EDM im Line-Up vom Wacken-Open-Air. Dennoch lebt das Festival auch von den jungen Leuten, die den Rest des Jahres mit EDM-Musik verbringen und hier in die andere Welt abtauchen. Das mag zwar die eingefleischten Hard-Rocker hier und da nerven, aber es lockert das Festival-Gesamtbild auf und ist für das Festival wichtig, wenn es langsam in die „nächste Generation“ geht, die die großen Hard-Rock-Bands nur noch von ihren Eltern kennen und sich über die alten Männer und Frauen wundern, die dort auf der Bühne stehen und ein echtes Instrument mit viel Emotion und Energie spielen.

 



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