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Altes Thema immer wieder neu aufgekocht

Ghostproducing - ja und?

Ghostproducing - ja und?Ghostproducing beherrscht die Branche

Ich weiß, das Thema ist kein neues. In regelmäßigen Abständen wird es immer wieder hochgekocht: erst in der vergangenen Woche gab Vorzeige-Ghostproducer Maarten Vorwerk dem Internetblog „We Rave You“ eins seiner seltenen Interviews, u.a. auch zu diesem Thema. Und trotzdem ist die ständige Erwähnung / Entrüstung / Kommentierung zu Ghostproducing so überflüssig wie ein zweiter Löffel beim Suppe essen.


Was passiert da eigentlich?

Schauen wir uns doch mal im Detail an, um was es hier genau geht: da sitzt also ein Produzent (oder auch gerne ein Produzententeam) irgendwo auf der Welt und entwickelt einen Song / Track oder eine musikalische Idee. Im Falle von Ghostproducern macht er dies entweder direkt als Auftrag für einen bestimmten Künstler oder der fertige Song kommt in einen sogenannten Pitch und wird später an einen Künstler verdealt. Der Künstler tritt dabei dann als Interpret des Songs auf; der Ghostproducer erhält sein Geld für die Dienstleistung im Hintergrund (sei es eine einmalige Zahlung oder Lizenzbeteiligung oder beides). Fertig! Der Künstler hat einen Release, der zu ihm paßt und den er performen kann; der Ghostproducer hat eine weitere Geldeinnahme; das Publikum erfreut sich an neuer Musik. So weit, so gut.

Diese Praxis ist seit vielen vielen Jahren ein gängiges Prinzip in ALLEN Musikrichtungen, und außer im Dance-Bereich ist dieses Thema nirgendwo überhaupt ein Thema. Um nur ein prominentes Beispiel von hunderttausend prominenten Beispielen zu nennen: die Backstreet Boys, also Nick Carter, Kevin Richardson, Alexander James McLean, Brian Littrell und Howie Dorough, die fünf Jungs auf der Bühne, haben „I Want It That Way“ weder geschrieben, noch einen Sound daran programmiert oder eingespielt. Natürlich sind es ihre Stimmen, aber der kreative Prozeß und die eigentliche Produktion des Titels wurde von anderen Leuten übernommen, die das a) wirklich gut können und b) auch die Zeit dafür haben. Jeder wurde entlohnt, und die Boygroup konnte ihrer gewaltigen Fanbase eine weitere hochkarätige Single liefern.

 


Ghostproducing ist Arbeitsteilung

Und damit trifft man genau den Kern: niemand glaubt doch ernsthaft, dass Rihanna den Song schreibt, produziert, singt, die Bühnenshow plant, choreographiert und probt, das Licht für die Show ausarbeitet und die Lampen selber aufhängt in den Hallen (ach ja, sie müsste dann die gesamte Technik auch weltweit zu den Auftrittsorten fahren in den LKWs, die sie selber gemietet hat, ist klar), dass sie die Promoplanung komplett alleine macht, Interviews koordiniert, selber gibt, das Management in der Hand hat und am Laufen hält, die Videos dreht, dazu noch eine Beziehung pflegt, die Wäsche aufhängt, Rechnungen überweist und auch mal einfach nur Fernsehen guckt nach Feierabend. Tage haben tatsächlich nur 24 Stunden, und es kümmern sich riesige TEAMS um alle diese Aufgaben, jedes mit seiner speziellen Ausrichtung und mit den jeweiligen Spezialisten, die genau das können. Der Autor und Produzent der Musik ist ebenfalls ein Teil dieser gigantischen Maschine, die rund um das Produkt Rihanna arbeiten und es am Laufen halten. Und dieses Grundprinzip der Arbeitsteilung in der Musik gilt für Pop-Acts, DJ-Acts, Youtube-Acts, englische Künstler, deutsche Künstler und so weiter, für ALLE und WELTWEIT.

Was viele Leute einfach bei der gesamten Diskussion vergessen: Künstler wie Tiesto, Chainsmokers, Clueso, David Guetta, Rihanna, Calvin Harris, Coldplay, U2, Silbermond undundund sind allesamt MARKEN, also Kunstprodukte, die auf ihre jeweils eigene Art ein Lebensgefühl verkaufen. Der Einfluß- und Arbeitsbereich dieser Marken ist im besten Falle die gesamte Welt, und kein einziger dieser Künstler kann den Arbeitsaufwand alleine schaffen.


Künstler = Songwriter & Performer = Glücksfall

Als solches muß man Ghostproducer einfach sehen: ihre spezielle Aufgabe ist die Erschaffung und Herstellung der Musik innerhalb der gesamten Maschine, die die Marke vorantreibt. Der Ghostproducer soll gar nicht der Künstler sein, denn –so verrückt das jetzt auch klingen mag- nur David Guetta kann David Guetta sein; die Performance der Marke ist seine Aufgabe, nicht die des Produzenten oder Songwriters (auch wenn er da großes Mitspracherecht und Einfluß haben wird).

Oder andersherum gesagt: wenn der Künstler, der die Single performt und nach außen die Marke repräsentiert, auch tatsächlich selber singen, schreiben oder produzieren kann und dafür dann auch die ZEIT hat, dann ist das ein echter Glücksfall. Deutsche Künstler wie Clueso sind genau solche Beispiele, bei denen der Künstler den Song schreibt, singt und performt. Ein DJ und Produzent wie David Guetta oder Tiesto hat erstere beiden Eigenschaften vielleicht nicht oder einfach keine Zeit dafür, also muß er sich die Songs und Hits besorgen und Ghostproducer beauftragen. Eine völlig normale Situation in der gesamten Musikbranche.


Hart an der Grenze: Milli Vanilli

Ein anderes Beispiel aus den späten 80ern, die unsäglichen Milli Vanilli, (über)spannten den Bogen sogar noch mehr, in dem sie tatsächlich vorgaben, die Singles selber zu singen, obwohl sie niemals auf ihren Platten zu hören waren. Auch damals war die Entrüstung (vor allem in den USA) sehr groß. Und doch war auch das nicht mehr als eine krasse Art der Arbeitsteilung: Fab Morvan und Rob Pilatus hatten das Aussehen, die Fitness und den Willen für die Marke Milli Vanilli, die richtigen Sänger und Songwriter aber nicht. Also wurde das Team genauso zusammengestellt: die einen haben gesungen, die anderen haben den Gesang „performt“. Hart an der Grenze, aber trotzdem eine nachvollziehbare Aufteilung.

 


Die Ghostproducer-Dauerschleife

Warum also dann das ständige Wiederkäuen dieser Thematik, vor allem bei den Dance-Fans? Oftmals gleicht die “Enthüllung“ eines ghost-produzierten Songs dem erfolgreichen Abschluss einer aufwändigen Detektivarbeit. Oder es wird als unglaublicher Wissensvorteil gegenüber anderen Fans formuliert („haste schon gehört, wer den und den Hit EIGENTLICH gemacht hat?“). Und gerne wird dem performenden Künstler abgesprochen, jegliches musikalische Verständnis oder Talent zu haben („Tiesto kann nix, weil er ja nicht selber produziert“). Im Internet veröffentlicht können solche Diskussionen gerne in totale Sensationsgier verfallen und werden immer und immer wieder hochgekocht. Aber weder dem Künstler, noch dem Ghostproducer geht es schlecht bei dieser Arbeitsteilung; nur der Fan kommt anscheinend mies drauf.

In der Tat ist es so, dass ein David Guetta oder Tiesto gar nicht erst selber SINGT oder heutzutage nach außen propagiert, ein guter Sänger oder Producer zu sein, denn ihnen steht diese Aufgabe auch nicht zu oder sie haben bei der Masse der Arbeit, die für ihre Marke anfällt, keine Zeit für die Produktion. Diese Arbeit wird ausgelagert, und es wird auch gar nicht groß darüber gesprochen, weil es in der Branche einfach gar kein Thema ist und zum Alltag gehört. Tatsächlich ist das anscheinend nur für die Fans interessant, die sich vielleicht betrogen fühlen oder sonstiges. Aber –wie gesagt- David Guetta hat niemals vorgegeben, der beste Produzent oder Songwriter zu sein; das war vielleicht am Anfang seiner Karriere so, als er noch nicht weltweit Stadien füllte. Er ist lediglich das Aushängeschild seiner Marke, und das macht er bei seinem unglaublichen Erfolg recht gut, denke ich.


Persönlich gesehen

Als jemand, der Ghostproducing selber betreibt und damit mal mehr und mal weniger Erfolg hat, kann ich nur sagen, dass diese gesamte Diskussion absolut überflüssig ist. Man sollte als Fan die Single beurteilen, ob man sie mag oder nicht, ob man den Künstler mit seinen Liedern mag oder nicht, aber nicht auf der Tatsache herumhacken, dass der Mann auf der Bühne sie nicht selbst produziert hat. Oder in anderen Worten: ich erwarte vom Pudding auch nicht, dass Dr. Oetker ihn persönlich hergestellt und im Laden verkauft hat...

 

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Über den Autor
Jens Ophälders

Die Genetik ist letztendlich schuld: vom Vater mit großer Liebe zur Musik ausgestattet, von der Mutter mit dem Talent zum Schreiben. Dance-Charts bildet daher für mich die Symbiose dieser beiden Eigenschaften, endlich mal Schreiben über eine der tollsten Sachen der Welt: Musik! Reviews zu neuen Singles sind dabei ebenso auf meiner Tagesordnung wie Beobachtungen zur Entwicklung der mittlerweile 35-jährigen Geschichte kommerzieller, elektronischer Dance Music (und aller dazugehörigen Nebenschauplätze). info (at) jompsta.com

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