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Monday, 26. June 2017

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10
Mai
2017

Geld vs. Emotionen

Die zwei Seiten des Nachtlebens

Die zwei Welten des NachtlebensDJ versus Management

Neulich in der Großraumdisco nach der allmonatlichen Festival-Party: der DJ kommt freudestrahlend ins Büro und verkündet, dass es ein formvollendeter Abend war und alle richtig Gas gegeben haben; die Stimmung war super, und der gebuchte Gast-DJ hat ordentlich gespielt. Der Chef bremst den Musikchef schnell aus: er bewertet den Abend als relativ schlecht, denn es war sehr junges Publikum da, und die trinken nichts. Zudem hat der Gast-DJ viel Geld gekostet, und seine zwei Begleiter haben auch zuviel „auf’s Haus“ getrunken. Daher waren die Umsätze nicht gut. Die Laune des DJs ist nach dieser Auskunft bereits im Keller, aber die Diskussion geht dann noch weiter: der Chef überlegt auch, ob er für die nächsten Veranstaltungen die Konfettikanonen und die CO2-Kanone weglässt. Die sind im Verleih recht teuer; ein Kostenfaktor, den man bei dem schmalen Getränkeabsatz überdenken muss. Der DJ kontert, dass diese Sachen aber wichtig sind für die Veranstaltung. Die Gäste feiern regelmäßig auf solche kurzen Einlagen. Man erzeugt damit ein Lebensgefühl, ein Partygefühl, eine Emotion. Der Chef entgegnet den Satz aller Sätze, den Discotheken-Chefs anscheinend bereits in die Wiege gelegt bekommen haben zum Auswendiglernen: „Kommt dafür ein Gast mehr?“


Die zwei Welten

Die Diskussion, die hier geführt wird, spielt sich so oder in etwas abgewandelter Form wöchentlich im deutschen Nachtgeschäft ab. Sie ist so alt wie das Gewerbe selber, und ich könnte Bücher darüber schreiben. Was hier immer wieder passiert: der Zusammenprall zweier Welten, die in deutlichem Gegensatz stehen, aber trotzdem irgendwie zusammen existieren MÜSSEN.

Der gemeine Gast mag es kaum glauben, aber es gibt sie tatsächlich, diese zwei Welten in einer Discothek. Da sind einmal die Leute, die eine Emotion an den Gast bringen wollen, sei es über Musik (der amtliche DJ), Licht (der Lightjockey), über Getränke (die nette Kellnerin, bei der man nochmal bestellt), die Promocrew (zuständig für Deko und sonstige Aktionen wie Walking Acts usw.) und viele mehr. Und da gibt es zum anderen die Leute, die kontrollieren und lenken, wie der Laden finanziell dasteht, sich entwickelt, die die Kosten von Veranstaltungen beobachten, Getränkeumsätze usw. Und die eine Berufsgruppe hat im eigentlichen Sinne kaum etwas mit der anderen zu tun und oftmals auch gar kein Interesse an der anderen, muss sich aber im selben Terrain aufhalten, nämlich dem Nachtgeschäft.


Der Buchhalter gegen den Nachtarbeiter

Die Kämpfe, die hier vor allem in schwierigen Zeiten ausgefochten werden, sind erheblich, zum Teil wirklich erbittert. Denn wo der bisherige Geldsegen ausbleibt oder verebbt, da stellen vor allem die Buchhalter alles auf den Kopf und hinterfragen jegliche Ausgabe. Da werden die Kellner zur Verantwortung gezogen, wenn „zu viel ausgegeben wird“. Da wird eine Veranstaltung immer wieder auf einen Samstag gebucht, die früh beginnt und mehrere hundert, gut trinkende Gäste zieht, aber gleichzeitig so speziell ist, dass sich der Laden bereits um 1 Uhr, also zur eigentlichen Hauptzeit, wieder leert und einen genervten Resident-DJ um halb 4 die Tanzfläche schließen lässt (Mallorca Nacht, ich grüße Dich...). Der Chef ist in diesem Fall begeistert über die Umsätze; der DJ kann nur mit den Achseln zucken. Lightjockeys müssen um jeden Liter Nebelflüssigkeit kämpfen; eine Diskussion, die ich schon in den 90ern mitbekommen habe, wo noch alles gut lief. Dringende Investitionen in den Laden, in Werbung, in Innovationen, in Abwechslung für die Nächte werden durchgerechnet und gerne über den Haufen geschmissen (Stichwort: kommt dafür ein Gast mehr?). Die Liste dieser Aufrechnungen kann endlos fortgeführt werden.

Auch wenn es vielleicht jetzt so klingt: ich bin nicht gegen die buchhalterische Welt. Ganz im Gegenteil: jemand MUSS über die Finanzen die Aufsicht führen. Jemand muss kontrollieren, was in welchem Maße wofür ausgegeben wird. In der Tat gibt es viele Nachtarbeiter, die das Geld der Diskothek maßlos raushauen (Thema Freigetränke!). Und es gibt eine beachtliche Menge an Veranstaltungen oder Gast-DJs, die die Gage einfach nicht wert sind, keine Frage. Eine Investition muss einen Gegenwert haben; auch darüber braucht man nicht zu diskutieren, denke ich. Und wenn über das Mr. Bean-Double oder die viertelvolle Minirock-Party niemand mehr spricht am nächsten Tag, dann braucht man diese Sachen auch nicht mehr machen...


Die Schnittmenge

Was ich aber vermisse bei diesen Diskussionen ist oftmals das aufeinander zugehen der beiden Berufsgruppen, welches viele der hitzigen Diskussionen einfach erledigen würde. So wäre es vielleicht manchmal tatsächlich hilfreich, wenn die Nachtarbeiter mit den Zahlen tatsächlich mal konfrontiert werden, um unsinnige Ausgaben zu erläutern. Im Gegenzug aber sollte auch der Buchhalter vielleicht mal in der Nacht zugegen sein und SEHEN und SPÜREN, was die CO2-Kanone bewirkt, wie der Gast, der von der Kellnerin einen ausgegeben bekommen hat, auch wieder zu dieser Theke zurückkommt oder was das neue Tanzpodest an genau der Stelle eigentlich bewirkt für die Party.

Es gibt Läden, wo genau dieses Prinzip der Schnittmenge funktioniert, wo sich der Effekt von Ausgaben tatsächlich am Gast angesehen wird, wo eine VISION in die Realität umgesetzt wird. Das setzt die Bereitschaft der Geld-verwaltenden Abteilung voraus, sich tatsächlich mit der Nacht und ihren Abläufen zu beschäftigen, ANWESEND zu sein und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Es setzt auch voraus, dass Risiken eingegangen werden, wenn man eine Vision hat und was man mit seinem Laden bewirken möchte. Das bedeutet: der Buchhalter muss über die reine Zahl hinaussehen auf die Emotion, die verkauft werden soll und die den Laden groß macht. Das bedeutet: der Chef muss tatsächlich in seinem eigenen Laden mal Gast sein und fühlen, was Sinn macht, was keinen Sinn macht und daraus die finanziellen Konsequenzen ziehen.

Das Fehlen dieser Schnittmenge hat bereits zu ganzen Schließungen von Discotheken geführt. Der Kampf „Wirtschaftlichkeit versus Emotion“ führt zu Frustration auf beiden Seiten, oftmals auch entfremdet er die beiden Parteien vom eigenen Laden. Das Ergebnis ist ein gelangweilter Gast; eigentlich das Schlimmste, das einem passieren kann in diesem Business.


Subjektiv gesehen

Ich kenne diese Diskussion nicht nur aus dem Nachtbetrieb. Man trifft sie in allen Lebenslagen, wenn man einen mehr oder weniger künstlerischen Job macht (wie viele Kinofilme wurden schon umgeändert, weil den Zuschauern bei Testbefragungen das Ende nicht gefiel?). Aktuell kenne ich kaum einen Weg aus diesen Diskussionen heraus, es sei denn, die beiden konkurrierenden Seiten finden einen Zugang zueinander, aber manchmal denke ich, die beiden Welten sind einfach zu sehr voneinander entfernt, als dass man den anderen überhaupt verstehen kann.

Ich für meinen Teil habe mich zumindest für eine Buchhalterin / Steuerberaterin entschieden, mit der ich tatsächlich abends auch mal einen trinken und um die Häuser ziehen kann. Eine Tatsache, die vieles erleichtert als Künstler...

 



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