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SONNTAG, 22. OKTOBER 2017

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12
Jun
2017

Polohunter im Interview

Mit dem Rollstuhl zum World Club Dome - ein Interview

Mit dem Rollstuhl zum World Club Dome ein InterviewPolohunter in seinem LED-Anzug

Markus Kreutzberger, auch unter dem Pseudonym „POLOHUNTER“ bekannt, ist seit mehr als 15 Jahren auf Musikfestivals und in Discotheken mit seinem Rollstuhl unterwegs. Am Freitag, den 02. Juni 2017, trafen wir ihn beim World Club Dome in Frankfurt.

Dance-Charts: Hi, Markus! Danke, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Ist dir eigentlich für eine gute Party kein Weg zu weit? Es sind ja schon ein paar Kilometer zwischen deiner Heimatstadt Unna und Frankfurt.

Markus: In der Tat – Frankfurt bedeutete für mich eine Anfahrt von 240 Kilometern und war nur mit einer Übernachtung möglich. Wenn sich das Line-Up aber lohnt oder die anstehende Party so groß ist wie im aktuellen Beispiel der World Club Dome, dann ist mir kein Weg zu weit. Ich bin in Vergangenheit einem bekannten DJ-Duo (Bangbros) nahezu wöchentlich durch Deutschland hinterhergefahren und da kam ich gut und gerne auf 400 Kilometer am Abend, nur um dabei sein zu können.

Dance-Charts: Du bist also ein echtes Feierschwein. Wie bist du gerade zur elektronischen Musik gekommen?

Markus: Ich bin Baujahr 1980 und als es mit den Discotheken losging, kam auch Hands Up so langsam in die Clubs. Dieses Genre ist mittlerweile zwar wieder zurückgegangen, aber das hat mich doch sehr gezeichnet und noch heute fahre ich deshalb auf große Events wie z.B. dem Easter Rave in Oberhausen, um mehrere Stunden dieses Genre genießen zu können.

Dance-Charts: Wie bewertest du, in Bezug auf deine Leidenschaft zur elektronischen Musik, den Freitag beim World Club Dome, bist du auf deine Kosten gekommen?

Markus: Um es kurz zu machen: Ja! Auch wenn ich durch die verspätete Idee der Anreise nur noch ein Ticket für den Freitag bekam und auf Grund des Verkehrs dann auch nur knappe 3 Stunden vor Ort hatte, war ich voll und ganz zufrieden. Im nächsten Jahr werde ich definitiv wieder dabei sein und dann dafür kämpfen, das gesamte Wochenende erleben zu können, denn es ist schon etwas anderes als ein „normale“ Großraumdisco.

Dance-Charts: Menschen die laufen können, tanzen zur Musik. Was machst du genau?

Markus: Ich tanze auch, nur halt im Rollstuhl. Ich habe als Rollstuhlfahrer den Stuhl so gut unter Kontrolle, dass ich mehrere Stunden auf zwei Rädern im wahrsten Sinne des Wortes „am Rad drehen kann“ und oft derjenige bin, der den Laden am Ende abschließt, weil ich der Letzte bin.

Dance-Charts: Brauchst du zwingend jemanden, der dich zum Feiern begleitet? Oft kann man Festivals oder Clubs ja nur durch Treppensteigen erreichen.

Markus: Es gibt durchaus Abende, an denen ich alleine losfahre, weil ich entweder niemanden gefragt oder aber gefunden habe, der auch feiern möchte. In mir bekannten Locations ist das überhaupt kein Thema, denn ich kenne die entsprechenden Wege, Leute und Ansprechpartner, falls es zu einem Problem kommen sollte. Auch bin ich ein sehr offener Mensch und gerade als Rollstuhlfahrer ist es wichtig, offen auf seine Mitmenschen zuzurollen, wenn man Hilfe benötigt. Es ist – ohne euch langweilen zu möchten – sehr interessant zu beobachten, wie groß doch die Hilfsbereitschaft mittlerweile auf derartigen Veranstaltungen ist. Ob an Treppen, an der Bar oder auf der Toilette – es wird immer Hilfe angeboten oder wenn man danach fragt, bekommt man eigentlich immer Unterstützung.

Dance-Charts: Beim World Club Dome warst du ja sogar im Frontstage-Bereich. Dort ist normalerweise kein Zutritt für Rollstuhlfahrer. Hast du Kontakte, die dir sowas ermöglichen?

Markus: Kontakte nicht wirklich, aber durch meinen weltweit einzigartigen LED-Anzug war es ein Leichtes, sich einen Weg zum besagten Bereich zu verschaffen. Dieser passt unglaublich gut zur Szene und hier machte das Personal eine - für mich heute noch sehr dankbare - Ausnahme, indem man mir einen eigenen Security an die Seite stellte, damit ich die Möglichkeit bekomme, ein Mal in der Menschenmenge direkt an der Frontstage feiern zu können.


Dance-Charts:
Wird generell Rücksicht genommen oder ist es manchmal auch gefährlich für dich?

MARKUS: Grundsätzlich ist gerade in der „Electro-Szene“ ein deutlicher Wandel zu spüren. Noch vor 10 Jahren wurdest Du als Rollifahrer schief angeschaut, wenn du ein Event befährst, aber mittlerweile ist man hier - gerade im Bezug auf meinen Feuerstuhl - gut und gerne gesehen und es kommt kaum zu Schwierigkeiten. Klar, Querschläger hast du überall und wenn ein Gast zu viel getrunken hat und dich mal anrempelt, dann ist das auch kein Achsenbruch, aber grundsätzlich hat man als „Behinderter“ keine Angst zu haben.

Dance-Charts: Bist du denn schon mal hingefallen?

MARKUS: Selbstverständlich, denn sowohl Glas, Flyer, Becher oder andere Unebenheiten machen das Feiern „rutschig“ und je nachdem, welchen Untergrund ich habe, kann das ganze auch mal auf dem Rücken enden. Oft möchte ich natürlich auch „zu viel“ und wenn ich das Gleichgewicht dann mal verliere, dann geht’s auch im wahrsten Sinne des Wortes abwärts, aber diese Stürze sind selten und wenn es passiert, dann sind immer helfende Hände da, die mich zurück in den Stuhl ziehen.

Dance-Charts: Trinkst du auch mal Alkohol, wenn du nicht gerade Autofahren musst?

MARKUS: Ich habe damals nur getrunken, wenn ich kein Auto mehr fahren musste. Mittlerweile trinke ich bereits seit ca. 10 Jahren keinen Schluck Alkohol mehr. Genau wie das Rauchen, das ich vor 10 Jahren aufgegeben habe, hängt dies nur damit zusammen, dass ich mir gerade durch das „Saufen“ viele Parties versaut habe und ich mich oft geärgert habe, dass ich die „Grenze“ überschritten habe. Ich kann - was ich immer wieder unter Beweis stelle - auch ohne Alkohol, Zigaretten und anderweitige Substanzen gut abgehen. In der Szene kommt man natürlich oft damit in Kontakt und gerade bei sehr großen Veranstaltungen häufen sich Fälle, in denen Leute ihre Grenzen nicht erkennen und folglich umgekippt sind, aber davon lasse ich mir persönlich den Spaß nicht nehmen.  

Dance-Charts: Welche Frage wird dir von Club- oder Festivalbesuchern am häufigsten gestellt und nervt schon so langsam?

MARKUS: Naja, die Leute sind natürlich neugierig und die meist gestellten Fragen sind sicherlich Dinge wie: „Warum sitzt du, wie lange sitzt du schon und wie lange sitzt du noch im Rollstuhl?“, und wenn mein Gegenüber nicht gerade voll wie ein Eimer ist und die Frage 28 mal am Abend stellt, ist das völlig okay und ich beantworte sie gerne. Sehr amüsant ist immer noch, dass meine Begleitungen oft mit Lobpreisungen angesprochen werden, dass sie den Behinderten mit in die Discotheken gebracht haben, worauf diese folglich immer antworten: „Warum? Markus fährt und der hat mich mitgenommen und nicht umgekehrt.“

Dance-Charts: Was nervt dich unheimlich auf Grund deiner Situation, gerade wenn du feiern bist?

Markus: Ich kann es mittlerweile wirklich immer weniger ab, wenn man mich ständig anfasst, betüdelt, schieben oder anstupsen muss. Gerade bei Events mit mehreren tausend Besuchern geht es mir gehörig auf den Keks, wenn gefühlt jeder Dritte im Vorbeilaufen auf deine Schulter klopft. Dies ist sicherlich wie ein „Daumen hoch“ gemeint, aber du kannst dir sicherlich vorstellen, dass es irgendwann mal gut ist und wenn du nach dem zweihundertfünfundneunzigsten Gast dann mal an die Decke gehst, wird das oft missverstanden.

Dance-Charts: Nerven dich auch die Leute, die Selfies mit dir machen wollen?

Markus: ÜBERHAUPT NICHT! Im erstem Moment beißt sich diese zwar mit der vorhergehenden Antwort, aber es ist schon ein Unterschied, ob man dir einfach im vorbeigehen wortlos auf die Schulter haut und weiter geht oder ob jemand dein „Erscheinungsbild“ so interessant findet, dass er ein gemeinsames Foto zur Erinnerung haben möchte. Ich freue mich sogar darüber und gerade durch meinen aufgepimpten Rollstuhl oder gar durch den LED-Anzug möchte ich ja die Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Beim World Club Dome wurde ich auch belagert, mit dem Unterschied, dass wirklich JEDER ganz nett gefragt hat, ob er ein Foto mit mir bekommen könnte und hier stehe ich natürlich gerne zur Verfügung.

Dance-Charts: Kann man dich in diesem LED-Anzug öfter sehen?

Markus: Wenn du gestattest, möchte ich hier etwas weiter ausholen: Schon seit vielen Jahren habe ich meinen Rollstuhl immer mehr mit Technik ausgestattet, um damit ein Blickfang in jeder Discothek sein zu können. Irgendwann kam mein bester Freund dann auf den Trichter, sich mit LED-Technik zu beschäftigen und so wurde aus einer einfachen Unterbodenbeleuchtung irgendwann eine rollende Blendgranate, die sich auch über eine Fernbedienung steuern lässt. Parallel hierzu hat er seinen LED-Anzug gebaut und eines Abends kamen wir auf die irrsinnige Idee, mir diesen Anzug mal im Rollstuhl anzuziehen. Hiervon waren wir so begeistert, dass er sich sofort an die Planung machte, mir meinen eigenen Anzug zu bauen.

Da dieser individuell und nicht von der Stange ist, dauerte die Herstellung einige Monate, doch was herausgekommen ist, sind schlussendlich drei Anzüge und halt der Rollstuhl. Alles kann über dasselbe System angesteuert werden, was natürlich gerade beim gemeinsamen Auftreten unfassbar gut in Szene gesetzt werden kann. Nun, und geboren wurde das Projekt „The Light Brother’s“ und neben dem Spaß, einfach mal wie beispielsweise dem World Club Dome, kann man uns und unser Projekt selbstverständlich auch buchen und so sich, seine Veranstaltung oder den Club durch einen einzigartigen Act hervorheben.

Light Brothers


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Verrate uns noch: Was war dein bisher schrägstes Club- oder Festivalerlebnis?

Markus: Ich stehe auf große Veranstaltungen und wenn du mein „schrägstes Festivalerlebnis“ wissen möchtest, welches mir bis dato am besten gefallen hat, so werde ich sicherlich noch lange vom World Club Dome schwärmen, auch wenn ich ja dieses Jahr leider lediglich den ersten Abend und somit nur das Opening erleben durfte. „Schrägstes Erlebnis“ bezogen auf Vorkommnisse, da gibt es natürlich ganze Bücher, die ich dir schreiben könnte. Absolut amüsant finde ich immer wieder, dass gerade die Gäste, vor denen du aus optischen Gründen zurückschreckst, meist die nettesten Menschen des Abends sind. Es ist zu geil, wenn dir ein im Gesicht tätowierter und mit Nieten im Kopf bestückter Glatzkopf die Hand am Dixi-Klo reicht, um dir beim Pinkeln helfen zu wollen. :-)

Dance-Charts: Hast du noch ein paar Worte, die du an die Dance-Charts-Community richten willst?

Markus: Ich möchte mich zunächst bei Dance-Charts.de bedanken, dass ich als Rollstuhlfahrer und somit für eine - nennen wir es mal so - Minderheit in der Dance-Szene sprechen darf. Was ich mir wünsche, ist noch mehr Integrität von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen seitens der Clubbetreiber.

Oftmals werde ich an Türen zunächst abgewiesen, weil man der Meinung ist, es sei zu voll, zu groß, zu eng oder zu gefährlich und gerade ich kann doch am besten einschätzen, was ich kann und was ich nicht kann und wenn ich eine Location antreffe, bei der ich schon selbst oder aber gute Freunde sagen, dass es vielleicht wirklich zu eng und dadurch zu gefährlich ist, dann würde ich gehen und wäre dann vielleicht traurig, aber nicht wütend, denn es ist schlimmer, abgewiesen zu werden als selbst für sich zu entscheiden, dass es nicht klappen würde.

Hier fällt mir aus aktuellem Anlass noch Frankfurt ein: Hätte ich nicht den irren Rollstuhl mit der besonderen Technik und dem LED-Anzug gehabt, wäre bereits auf dem Festival-Gelände Feierabend gewesen. Ich hätte lediglich draußen (wo ja partytechnisch am Tag des Openings noch nichts war) oder aber auf der „Behinderten-Empore“ und somit nicht in der Menge feiern können und das wäre schade gewesen. Ich kann selbstverständlich die Ängste einer Panik oder um mögliche Verletzungen verstehen, aber es ist schlussendlich völlig egal, ob ein Gast im Rollstuhl oder zu Fuß das Event besucht: Man sollte ihm die Möglichkeit offenhalten, ob er einen bestimmten Bereich befahren möchte oder nicht.

Dance-Charts: Vielen Dank für deine Zeit und bis bald!

Markus: Ich habe zu danken und wir sehen uns auf den Dancefloors dieser Erde! :-)

Polohunter

 



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