"Another Chance" von Roger Sanchez.
Erinnerst du dich an das Video? Es ist nachts in New York. Eine zierliche junge Frau läuft durch die Straßen - und schleppt etwas mit sich, das viel zu groß für sie ist: ein gigantisches rotes Herz aus Plastik. Die Leute rempeln sie an, Taxifahrer ignorieren sie, das Herz passt durch keine Tür. Wenn du dieses Bild im Kopf hast, hast du sofort auch die Melodie im Ohr. „Another Chance" von Roger Sanchez war 2001 nicht einfach nur ein Club-Hit. Es war ein Kurzfilm über Einsamkeit, zu dem man zufällig auch noch tanzen konnte.
House-Musik hatte in den 90ern oft den Ruf, nur für die gute Laune zuständig zu sein. „Put your hands up", „Feel the vibe" - du kennst das. Aber dann kam der „S-Man", Roger Sanchez, eine DJ-Legende aus New York, und zeigte uns, dass ein 4/4-Takt auch richtig wehtun kann.
Das Geheimnis dieses Songs liegt - wie so oft im House - in einem genialen Sample. Sanchez wühlte in der Plattenkiste der 80er Jahre und zog Toto raus. Ja, genau, die Jungs von „Africa". Er nahm ihren Song „I Won't Hold You Back", eine ziemlich kitschige Soft-Rock-Ballade. Aber er nahm nicht den Refrain - er nahm nur diese eine kleine Zeile aus der ersten Strophe: „If I had another chance tonight, I'd try to tell you that the things we had were right."
Er schnitt sie raus, loopte sie und legte einen warmen, treibenden Beat drunter. Plötzlich klang Steve Lukathers Stimme nicht mehr nach 80er-Jahre-Föhnwelle, sondern nach purer Verzweiflung auf dem Dancefloor. Es ist dieser Moment, wenn du im Club stehst, jemanden siehst und denkst: „Verdammt, ich habe es vermasselt."
Man kann über diesen Song nicht reden, ohne das Video zu feiern. Regisseur Philippe Andre schuf ein kleines Meisterwerk. Die Metapher ist so simpel wie brillant: Wer sein Herz auf der Zunge trägt (oder in diesem Fall als riesigen Ballast durch die Stadt schleppt), hat es schwer. Wir haben alle mitgelitten, wie die Protagonistin versucht, mit diesem unhandlichen Ding in die U-Bahn zu kommen oder in einem Diner zu essen. Sie wird abgewiesen, angestarrt, ist isoliert. Das riesige Herz ist ihr Fluch. Und dann das Ende: Sie trifft einen Typen, der auch so ein riesiges Herz hat. Die beiden Herzen verschmelzen, werden kleiner, und plötzlich passen sie zusammen in die Stadt. Kitschig? Vielleicht. Aber gib es zu: Du hattest damals Gänsehaut.
Musikalisch ist „Another Chance" der Inbegriff des Ibiza-Sounds der frühen 2000er. Es ist kein aggressiver „Bumm-Bumm"-Techno, sondern Filter-House. Der Sound ist weich, er fließt. Es ist der Song, den du auflegst, wenn die Sonne gerade im Meer versinkt und du den ersten Drink in der Hand hast. Roger Sanchez hat damit bewiesen, dass Clubmusik auch Soul haben kann - er hat die Melancholie tanzbar gemacht.
Heute, über 20 Jahre später, ist der Track ein Klassiker, auf den sich alle einigen können. Die coolen Underground-DJs spielen ihn genauso wie die Hochzeits-DJs. Warum? Weil die Sehnsucht nach einer zweiten Chance universell ist. Jeder kennt das Gefühl, etwas reparieren zu wollen. Sanchez gibt uns vier Minuten lang die Illusion, dass das möglich ist - solange der Beat läuft.
Wusstest du... ...dass Roger Sanchez für diesen Song 2003 tatsächlich einen Grammy gewann? Und zwar in der Kategorie „Best Remixed Recording". Ziemlich ironisch, denn „Another Chance" galt eigentlich als Original-Single, basierte aber technisch gesehen auf dem Toto-Sample, das er neu arrangiert hatte. Den Grammy hat er sich trotzdem redlich verdient.
Hier hast du die Möglichkeit den Song zu bewerten. Einfach die gelben Sterne auf der rechten Seite anklicken. Die Gesamtwertung ist ein Mittelwert aller abgegebenen Stimmen.