"Everytime We Touch" von Cascada.
Es gibt Songs, die klingen wie der erste Energydrink deines Lebens: klebrig, süß und verdammt aufputschend. „Everytime We Touch" ist das ultimative Überbleibsel der Eurodance-Welle, die Mitte der 2000er alles wegspülte. Doch hinter dem Gewitter aus harten Kicks und quietschbunten Synthesizern verbirgt sich eine Geschichte von deutschem Fleiß - und einer Ballade, die erst ordentlich durchgeschüttelt werden musste.
Wenn man heute an Cascada denkt, sieht man Natalie Horler vor sich, wie sie mit blonder Mähne und unglaublicher Energie über die Bühne fegt. Aber der Kern des Projekts war ein Trio aus Bonn: Natalie und die Produzenten DJ Manian und Yanou. Ihr Plan war nicht, das Rad neu zu erfinden, sondern den Eurodance der 90er fit für das neue Jahrtausend zu machen.
Was viele Fans in den Clubs nicht wussten: Der Song war eigentlich ein Oldie. Die ursprüngliche Version von „Everytime We Touch" stammte aus dem Jahr 1992 und wurde von der schottischen Sängerin Maggie Reilly (bekannt durch ihre Hits mit Mike Oldfield) aufgenommen. Maggies Original war eine verträumte, sanfte Popballade - Musik zum Kerzenschein, nicht zum Pogotanzen. Doch Yanou und DJ Manian erkannten den Kern des Songs: diese unheimlich starke Melodie im Refrain. Sie nahmen das zarte Pflänzchen, steckten es in die Steckdose und drehten den Regler auf 150 BPM hoch.
Der wichtigste Faktor war jedoch Natalie Horler. Während viele Dance-Acts der Zeit auf austauschbare Stimmen oder Auto-Tune setzten, konnte Natalie wirklich singen. Als Tochter eines Jazzmusikers brachte sie eine stimmliche Gewalt mit, die dem harten Beat standhielt. Die Aufnahmen in dem kleinen Studio in Bonn waren pragmatisch. „Wir dachten nicht an Weltherrschaft", erinnerte sich Natalie später. „Wir wollten einfach coole Tracks für die Clubs machen." Als Natalie den Refrain einsang, passierte etwas: Ihre Stimme war so klar und drängend, dass der Song plötzlich weit über die Diskotheken von Nordrhein-Westfalen hinausstrahlte.
Das Verrückteste an der Geschichte: Cascada eroberten die Welt von hinten. Während deutsche Acts meist in Europa anfangen, schlug „Everytime We Touch" zuerst in den USA ein wie eine Bombe. Das amerikanische Radio, das elektronische Musik bis dahin eher stiefmütterlich behandelte, fraß der Band aus der Hand. Der Song kletterte bis auf Platz 10 der US-Billboard-Charts - ein Erfolg, von dem viele deutsche Rockbands nur träumen können. Plötzlich war „Hands Up"-Dance aus Bonn der heißeste Scheiß in Las Vegas und New York. Das Video, gedreht in einer Bibliothek (was für einen Dance-Track herrlich absurd war), lief auf MTV rauf und runter.
Heute ist „Everytime We Touch" ein Klassiker der Nostalgiepartys - ein HandsUp-Klassiker. Es ist der Song, bei dem alle die Hände hochreißen, egal ob sie 2005 dabei waren oder den Track erst auf TikTok entdeckt haben. Cascada bewiesen, dass man keine komplizierte Philosophie braucht, wenn das Herz am rechten Fleck sitzt und der Bass massiert. Sie nahmen eine vergessene Ballade und machten daraus eine Hymne für die Ewigkeit - oder zumindest für jede Nacht, in der man vergessen will, dass am nächsten Morgen der Wecker klingelt.
Wusstest du... ...dass Natalie Horler eigentlich in England geboren wurde und ihr Vater der berühmte Jazzmusiker David Horler ist? Das erklärt, warum ihr Englisch im Song so perfekt klingt - für viele Amerikaner war sie damals einfach „eines von uns".
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