Schließ die Augen. Stell dir vor, du stehst in einer riesigen Industriehalle. Es ist drei Uhr morgens. Der Nebel ist so dicht, dass du die Hand vor Augen kaum siehst, und die Luft schmeckt nach Schweiß und Energie. Plötzlich verstummt der harte Bass. Ein gleißendes, weißes Licht schneidet durch die Dunkelheit, und eine Melodie beginnt, sich langsam, fast schmerzhaft schön, nach oben zu schrauben. Wenn du diesen Moment kennst, dann kennst du „1998". Der Track des britischen Duos Binary Finary ist nicht einfach nur ein Lied - er ist ein Zeitdokument und der Beweis, dass elektronische Musik eine Seele haben kann.
In der schnelllebigen Welt der elektronischen Tanzmusik ist ein Jahr eine Ewigkeit. Tracks kommen, füllen für drei Wochen die Tanzflächen und verschwinden dann im digitalen Nirwana. Doch „1998" ist anders. Dieser Track weigert sich standhaft zu sterben. Er ist wie ein guter Wein, der mit jedem Remix, jedem Re-Release und jedem Festivalset besser wird. Aber wie konnte ein instrumentaler Track ohne Text, produziert von zwei Jungs aus Portsmouth, zur ultimativen Hymne einer ganzen Generation werden?
Um das Phänomen zu verstehen, müssen wir zurück in das Jahr reisen, das dem Song seinen Namen gab. 1998 war das Jahr, in dem Trance den Underground verließ und zum Stadionphänomen wurde. Es war die Ära der „Superclubs" wie Gatecrasher, Cream und Ministry of Sound. Matt Laws und Stuart Matheson, die Köpfe hinter Binary Finary, waren keine Superstars, die mit dem Privatjet nach Ibiza flogen. Sie waren Tüftler. Sie arbeiteten mit Equipment, das nach heutigen Standards fast lächerlich wirkt. Der ursprüngliche Track entstand aus einer einfachen Idee: Sie wollten den perfekten „Build-up" kreieren. Im Trance geht es immer um Spannung und Erlösung (Tension and Release). Und „1998" ist die meisterhafte Umsetzung dieses Prinzips.
Der Track beginnt unscheinbar, fast treibend, bis er in diesen legendären Breakdown fällt. Es ist dieser Moment der Stille, in dem Tausende Menschen gleichzeitig den Atem anhalten, bevor die „Sawtooth"-Synthesizer (Sägezahnwellen) einsetzen und alles in eine Welle aus Euphorie reißen. Als Binary Finary die erste Demo an das Label Aquarius schickte, wussten sie wahrscheinlich selbst nicht, dass sie gerade die Nationalhymne der Ravekultur geschrieben hatten.
Was „1998" jedoch von einem One-Hit-Wonder zur Legende machte, war nicht nur das Original. Es war das, was die DJ-Elite daraus machte. Der Song wurde zu einer Art Leinwand, auf der sich die größten Produzenten der Welt verewigten. Es entstand ein fast freundschaftlicher Wettstreit darum, wer die ultimative Version dieses Meisterwerks abliefern konnte. Da war zunächst Paul van Dyk. Der Berliner Techno-Gott nahm sich den Track vor und injizierte ihm eine Dosis Steroide. Seine Version (oft als „PVD Remix" bekannt) war härter, schneller, kompromissloser. Er nahm die verträumte Melodie und unterlegte sie mit einer Kickdrum, die Wände einreißen konnte. Wenn du schwitzen und springen wolltest, hörtest du den PVD-Mix.
Auf der anderen Seite stand das Projekt Gouryella, bestehend aus niemand Geringerem als Ferry Corsten und Tiësto. Ihre Version trieb die emotionale Seite auf die Spitze. Sie machten den Sound breiter, hymnischer, fast opernhaft. Ihr Remix war für den Moment gedacht, wenn die Sonne über dem Festivalgelände aufgeht und sich alle in den Armen liegen. Und Matt Darey darf nicht vergessen werden, dessen Remix oft als der definitive Club-Mix jener Zeit gilt. Jeder DJ hatte seine Lieblingsversion, und so lief „1998" nicht nur einmal am Abend, sondern oft dreimal - und niemand beschwerte sich.
Der vielleicht genialste Schachzug - ob gewollt oder zufällig - war der Name. Einen Song „1998" zu nennen, klingt nach einem Verfallsdatum. Doch Binary Finary machten aus der Not eine Tugend. Als das Millennium näherrückte, veröffentlichten sie einfach „1999". Dann kam „2000". Es war wie ein Software-Update für Raver. Jedes Jahr bekam der Track ein neues Gewand, angepasst an den aktuellen Sound der Zeit. Während andere Hits verblassten, blieb dieser Track relevant, weil er sich anpasste. Er wurde zum treuen Begleiter. Wer 1998 dazu tanzte, tanzte auch 1999 dazu, und als im Jahr 2000 die Welt wider Erwarten nicht unterging, war dieser Song der Soundtrack zum Überleben.
Warum funktioniert das heute noch? Wenn DJs wie Armin van Buuren oder Charlotte de Witte diesen Klassiker in ihre Sets einbauen, passiert etwas Magisches. Die älteren Raver bekommen feuchte Augen vor Nostalgie, und die jungen Kids, die 1998 vielleicht noch gar nicht geboren waren, spüren instinktiv die Kraft dieser Komposition. Der Song kommt ohne Worte aus und erzählt dennoch eine Geschichte. Er erzählt von der Unbeschwertheit der späten 90er. Es gab keine Smartphones auf dem Dancefloor, keine Instagram-Stories - es gab nur die Musik, den Laser und die Masse. Die Melodie von „1998" ist simpel, fast naiv, aber genau deshalb so effektiv. Sie ist rein. Sie ist wie ein musikalisches Destillat aus Freude und Melancholie.
Binary Finary haben vielleicht nie wieder einen Hit gelandet, der diese Sphären erreichte. Aber das müssen sie auch nicht. Man malt die Mona Lisa nicht zweimal. Sie haben der elektronischen Musikszene einen Anker gegeben. „1998" ist der Track, den du auflegst, wenn du jemandem erklären willst, was Trance eigentlich ist. Es ist nicht nur „Bumm-Bumm". Es ist die Reise ins Innere, die Flucht aus dem Alltag und die kollektive Ekstase. Wenn die ersten Töne erklingen, sind wir alle wieder jung, die Nacht ist endlos, und für ein paar Minuten ist alles gut auf der Welt. Ein Denkmal aus Schallwellen, gebaut für die Ewigkeit.
Wusstest du... ...dass Binary Finary eigentlich als Live-Act konzipiert waren und auf der Bühne oft mit wilden Installationen aus Keyboards und Kabeln auftraten, was in der damaligen DJ-dominierten Szene völlig unüblich war?
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