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Fehlende musikalische Tiefe

Algorithmus schlägt Akkorde: Warum Musik seine Seele an die Mathematik verlor

(Geschätzte Lesezeit: 2 - 3 Minuten)

Algorithmus schlägt AkkordeWarum Musik seine Seele an die Mathematik verlor.

Erwischen wir uns nicht alle hin und wieder bei dem Gedanken, dass die Hits von früher irgendwie mehr Substanz hatten? Dass die Songs der 90er und 2000er langlebiger waren und Künstler schlichtweg talentierter? Die überraschende Wahrheit ist jedoch: Die Musik ist gar nicht schlechter geworden - nur die Mathematik dahinter hat sich gnadenlos verändert.


Die goldene Ära der CD

Werfen wir einen Blick zurück in die goldene CD-Ära: Damals zahlten Fans gut und gerne 15 Euro für ein Album, wovon stolze 3 bis 4 Euro direkt beim Künstler landeten. Noch 1999 behielten Musiker rund 63 Prozent der Einnahmen, die ihre Musik generierte. Dieses wirtschaftliche Modell zwang Bands und Produzenten geradezu, auf musikalische Qualität zu achten. Man konnte schwache Lückenfüller nicht einfach auf der Platte verstecken, weil die Hörer für das Gesamtwerk im Voraus bezahlt hatten. Jeder einzelne Song musste seine Existenz auf dem Album rechtfertigen und seinen Teil dazu beitragen, dass die Fans das Gefühl hatten, ihre 15 Euro gut investiert zu haben. Im besten Fall konnte ein einziges, meisterhaftes Album eine komplette Karriere für die nächsten Jahre finanzieren.

Dann kam das Streaming und stellte diese Welt komplett auf den Kopf. Spotify zahlt heute im Schnitt magere 0,003 Euro pro Stream. Um 3 Euro zu verdienen, muss ein Song 1.000 Mal abgespielt werden. Wer als Musiker ein solides Jahresgehalt von 50.000 Euro anpeilt, muss unfassbare 17 Millionen Streams pro Jahr einfahren. Anders gerechnet: Wo früher ein einziger CD-Käufer reichte, braucht ein Künstler heute 5.000 Streams, um dieselben 15 Euro zu verdienen.


Den Algorithmus triggern

Diese drastische Entwertung hat die Anreize in der Musikindustrie über Nacht verschoben. Plattenfirmen haben auf diese neue Realität schlichtweg logisch reagiert. Sie investieren ihr Budget heute viel seltener in Alben, die in Würde reifen sollen. Stattdessen finanzieren sie Songs, die darauf getrimmt sind, uns in den allerersten drei Sekunden an den Haken zu nehmen. Um den Algorithmus zu überleben, wurde die klassische Song-Architektur regelrecht demoliert: Strophen sind massiv geschrumpft, der Refrain zündet viel früher und die Bridge ist fast völlig ausgestorben.

Das Problem: Der Algorithmus von Spotify belohnt ständige Wiederholungen, keine musikalische Tiefe. Ein anspruchsvolles Stück, das sich erst nach dem zehnten Hören voll entfaltet, verliert haushoch gegen eine simple Hook, die sofort in 400 Playlists gepackt wird.

Künstler veröffentlichen also heute nicht deshalb kürzere und simplere Tracks, weil das musikalische Talent ausgestorben ist. Sie tun es, weil die Plattformen langes Zuhören bestrafen und den schnellen Impuls belohnen. Die Nostalgie, die wir beim Hören alter Hits empfinden, ist völlig berechtigt. Doch wir trauern dabei nicht einem goldenen Zeitalter der Musik hinterher - wir betrauern lediglich ein verstorbenes Finanzmodell.

Wusstest du, dass genau dieser wirtschaftliche Druck auch der Grund ist, warum heute so viele alte 90er- und 2000er-Hits für die TikTok-Generation mit schnellen Beats neu aufgelegt werden? So lässt sich der Backkatalog im neuen Modell optimal monetarisieren!

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Über den Autor
S. Wernke-Schmiesing

Während meines Studiums gründeten wir 2008 die Dance-Charts. Als reine Musik-Promotion-Agentur gestartet, entwickelte sich die Plattform zu einem der größten Blogs und News-Portale für Dance-Musik in Deutschland. Als Chefredakteur heißt es täglich News recherchieren und Entscheidungen treffen. Neben der Tätigkeit für die Agentur bin ich regelmäßig als DJ in Clubs und Großraumdiskotheken unterwegs.

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