Dance-Charts

Das Portal für Charts und DJ-Promotion

 

90.000 generierte Tracks pro Tag

KI-Musik überholt den Menschen: Mehr als jeder zweite Deezer-Upload ist generiert

(Geschätzte Lesezeit: 2 - 4 Minuten)

AI MusicMehr als jeder zweite Deezer-Upload ist KI-generiert. 

Bei Deezer stammt inzwischen mehr als jeder zweite neu hochgeladene Song aus einer Maschine. Der französische Streamingdienst meldet rund 90.000 vollständig generierte Tracks pro Tag, im Juni überschritt ihr Anteil an allen Uploads erstmals die 50-Prozent-Marke. Deezer reagiert mit einer schärferen Löschpolitik.


Von 10.000 auf 90.000 Tracks pro Tag

Deezer verfolgt die Entwicklung seit Anfang 2025 mit einem eigenen Erkennungswerkzeug, und die Kurve zeigt steil nach oben. Im Januar 2025 landeten täglich rund 10.000 KI-Tracks auf der Plattform, das entsprach etwa einem Zehntel aller Uploads. Bis April 2025 verdoppelte sich die Zahl auf 20.000, im November waren es 50.000, im Januar 2026 dann 60.000. Im April dieses Jahres meldete der Dienst 75.000 Titel pro Tag bei einem Anteil von 44 Prozent.

Der Juni-Wert von durchschnittlich 90.000 Stück täglich markiert nun den Punkt, an dem maschinell erzeugte Musik die von Menschen gemachte bei den Uploads überholt. In seiner Mitteilung dazu spricht das Unternehmen von einem Wendepunkt. „Wir haben einen entscheidenden Moment erreicht", sagt Firmenchef Alexis Lanternier, man verfüge aber über die Technik, um die Entwicklung im Blick zu behalten. Allein 2025 markierte der Dienst nach eigenen Angaben 13,4 Millionen generierte Titel.


Kaum gehört, aber massenhaft für Betrug genutzt

Auf die Hörgewohnheiten schlägt die Flut bislang wenig durch. Vollständig generierte Titel machen laut Deezer nur ein bis drei Prozent aller Streams aus, weil der Dienst sie aus algorithmischen Empfehlungen und redaktionellen Playlists heraushält. Das begrenzt ihre Reichweite erheblich.

Der eigentliche Zweck der Massen-Uploads liegt woanders. Bis zu 85 Prozent der Streams auf KI-Tracks stuft Deezer als betrügerisch ein, im Gesamtkatalog lag die Betrugsquote 2025 dagegen bei acht Prozent. Das Muster dahinter ist simpel: Wer zehntausende Titel hochlädt und sie per Bot abspielen lässt, greift Tantiemen aus einem Topf ab, der eigentlich anderen zusteht. Betrügerisch erzeugte Streams fließen bei Deezer nicht in die Ausschüttung ein.


Löschungen statt nur Kennzeichnung

Bisher hat Deezer generierte Titel markiert und aus Empfehlungen verbannt. Künftig sollen sie auch verschwinden: Der Dienst kündigt an, KI-Tracks systematisch zu entfernen, die für Streaming-Betrug eingesetzt werden oder seit mindestens sechs Monaten keinen einzigen Stream verzeichnet haben.

Damit geht Deezer weiter als bisher, bleibt aber hinter Anbietern zurück, die generierte Musik grundsätzlich ausschließen. Tidal etwa zahlt für vollständig generierte Titel keine Tantiemen mehr, Bandcamp hat entsprechende Uploads Anfang des Jahres komplett untersagt.


Wie die Erkennung funktioniert

Das Werkzeug sucht nach Spuren, die Generatoren im Audiomaterial hinterlassen. Diese Artefakte sind für menschliche Ohren praktisch nicht wahrnehmbar, tauchen in echten Aufnahmen kaum auf und fallen je nach Modell unterschiedlich aus. Deshalb lässt sich damit auch bestimmen, welcher Generator im Spiel war, etwa Suno oder Udio. Beide Anbieter sehen sich Klagen der Musikindustrie gegenüber, bei Suno legte zuletzt ein Datenleak konkrete Quellen der Trainingsdaten offen.

Deezer beziffert die Trefferquote auf 99,8 Prozent und meldete im Dezember 2024 zwei Patente an, die die Ämter in der EU und den USA im Juni veröffentlicht haben. Seit Januar 2026 vermarktet das Unternehmen die Technik auch an Dritte. Billboard nutzt sie, um KI-Titel in den eigenen Charts zu identifizieren, mit der französischen Verwertungsgesellschaft Sacem gab es Tests. Woran sich generierte Musik mit bloßem Ohr erkennen lässt, haben wir in einem eigenen Überblick zusammengetragen.


Andere Plattformen, ähnliche Größenordnung

Mit dem Problem steht Deezer nicht allein, veröffentlicht aber als einziger großer Dienst regelmäßig Zahlen dazu. Apple Music erklärte kürzlich, mehr als ein Drittel der monatlichen Neuzugänge sei vollständig generiert, der Anteil an den Streams liege dabei deutlich unter einem halben Prozent. Spotify entfernte nach eigenen Angaben binnen eines Jahres über 75 Millionen Spam-Titel, worunter neben KI-Musik auch Duplikate und manipulierte Suchtreffer fallen. Das Branchenmagazin Music Ally geht davon aus, dass die größeren Wettbewerber ähnliche Mengen verarbeiten.


Was für Künstler auf dem Spiel steht

Wie viel Geld sich durch die Entwicklung verschiebt, hat der Dachverband der Verwertungsgesellschaften CISAC gemeinsam mit PMP Strategy untersucht, beteiligt war unter anderem Deezer. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bis 2028 rund ein Viertel der Einnahmen von Kreativen unter Druck gerät, in absoluten Zahlen bis zu vier Milliarden Euro.

Wie Hörer auf das Thema blicken, ließ Deezer im November 2025 von Ipsos erheben, befragt wurden 9.000 Menschen in acht Ländern, darunter Deutschland. In einem Blindtest konnten 97 Prozent generierte und menschengemachte Musik nicht auseinanderhalten. 80 Prozent sprachen sich für eine klare Kennzeichnung aus, gut die Hälfte möchte generierte Songs aus den regulären Charts heraushalten.