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Saturday, 10. December 2016

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26
Jun
2016

Was der EU-Austritt für die Musikwelt bedeutet

Der musikalische Brexit

Er ist seit Tagen das vorherrschende Thema der Medien: Der Brexit! Am Freitag ging ein Schock durch ganz Europa, als klar war, dass sich die Briten tatsächlich per Volksabstimmung dazu entschieden haben, die Europäische Union zu verlassen. Im Vorfeld hatten auch einige britische Musiker Stellung bezogen – so riefen zum Beispiel Ellie Goulding und Disclosure eindringlich dazu auf, gegen den Brexit zu stimmen. Obwohl  ihr popkultureller Einfluss und ihre große Fanbase am Ende doch nicht zum gewünschten Ergebnis geführt haben, so hatten sie doch allen Grund, Stimmung gegen den EU-Ausstieg zu machen. Denn der Brexit wird – einmal vollzogen – höchstwahrscheinlich verheerende Auswirkungen vor allem auf den britischen aber auch den gesamten europäischen Musikmarkt haben. Im Folgenden eine kleine Analyse.


Brexit – Klares „No“ zur EU

Ihr habt es ganz sicher alle mitbekommen, am vergangenen Donnerstag, den 23.06.2016 haben etwa 52% der britischen Bürger für einen Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union gestimmt. Damit sind die schlimmsten Befürchtungen der Gegner des sogenannten Brexits wahr geworden, wie des britischen Premierministers David Cameron, der kurz darauf seinen Rücktritt ankündigte oder Angela Merkels, die wie viele andere europäische Regierungschefs ihr Bedauern über die Entscheidung ausdrückte. Der Prozess des EU-Ausstiegs wird sich nun über einige Jahre ziehen, das Gesamtausmaß der Folgen ist noch ungewiss.

Es mag erstmal ein wenig verwunderlich erscheinen – nachdem es doch seit Tagen und Wochen schon kein Entrinnen vor der medialen Lawine der Brexit-News gab, hat das Thema nun auch noch den scheinbar letzten Zufluchtsort, die vermeintlich unpolitischste Nachrichtenwebsite Deutschlands erreicht. Warum berichten nun auch noch die Dance-Charts darüber, was hat das Ganze mit Musik zu tun? Die Antwort ist einfach: Eine Menge. So ist das komplette Ausmaß der Folgen des Brexits zwar, wie bereits erwähnt, noch nicht genau absehbar, doch eines ist sicher – gerade im wirtschaftlichen Bereich wird der Ausstieg riesige Veränderungen mit sich bringen und somit natürlich auch für die Musikindustrie als wichtigen Teil der britischen Wirtschaft. Uns liegt es selbstverständlich fern, das Thema an dieser Stelle politisch zu bewerten, wir wollen Euch allerdings an dieser Stelle einen groben Ausblick auf die möglichen Auswirkungen des Referendums auf die Musikindustrie und damit auch auf die so beliebten britischen Künstler und Tracks geben.


Vor allem Auftritte werden deutlich erschwert

Wenn das Vereinigte Königreich die EU und damit den visafreien Schengen-Raum mit seinen offenen Grenzen verlässt, hat das fatale Auswirkungen auf die Reisefreiheit britischer Künstler, die in Europa, beziehungsweise europäischer Musiker, die in UK spielen wollen. Diese müssen dann nicht nur, wie jeder andere Reisende auch, umständlich Visa für sich und ihre Crew beantragen, sondern auch noch sogenannte „Carnets“, eine Art Reisepass für die Instrumente und das ganze Equipment, das für die Auftritte nötig ist. Diese Dokumente können ungefähr 1.300 bis zu 2.700€ für nur ein Jahr kosten, was natürlich gerade für kleinere Künstler immense Mehrkosten bedeutet, was sie daran hindern könnte, überhaupt erst in Großbritannien oder im umgekehrten Fall auf dem Festland zu touren. Und auch ein Visum muss man erstmal bekommen, wer schon einmal in die USA gereist ist, wird es kennen, es sind diverse Nachweise wie etwa der der Liquidität nötig und auch die Bearbeitungszeit kann sich ziehen, was das Festsetzen von Konzertdaten verkompliziert, eine Katastrophe vor allem auch für die gerade bei uns so beliebten EDM-Festivals.

Aber auch physische Verkäufe bleiben durch das EU-Aus Großbritanniens wahrscheinlich nicht unbeeinträchtigt. Momentan erleben wir ja eine Renaissance der Vinyl-Schallplatte, gerade in UK ist diese Entwicklung sehr ausgeprägt. Und wo lassen die englischen Firmen ihre Platten pressen – richtig, in Kontinentaleuropa. Auf diese und weitere physische Musikgeschäfte werden aufgrund des nicht mehr einheitlichen Wirtschaftsraums in Zukunft Zölle erhoben, deren Kosten natürlich auf die Kunden umgelegt werden, die die Platten dann womöglich nicht mehr kaufen. Diese absehbaren Entwicklungen sind sehr bedenklich, gerade da Konzertauftritte und der Verkauf physischer Tonträger ja den überwiegenden Teil der Einnahmen eines Musikers ausmachen. Und auch auf die britische Wirtschaft insgesamt wird diese Entwicklung fatale Folgen haben – etwa die Hälfte der Musikexporte des Königreichs gehen in EU-Länder, in den Niederlanden beispielsweise wird fast ein Drittel des Marktes von britischer Musik beherrscht (in Deutschland etwa ein Sechstel) und der „Musiktourismus“ (Festivals und weiteres) konnte dem Inselstaat 2014 etwa 4 Milliarden Euro einbringen.


Copyright und EU-Gelder

Die Europäische Union bringt ihren Mitgliedsstaaten seit jeher einheitliche Gesetzesgrundlagen, so auch beim Copyright. Das Urheberrecht wird gerade in Ländern wie Frankreich oder Deutschland besonders hochgehalten, vom britischen Gesetzgeber eher weniger. Auf EU-Ebene werden gerade strengere aber vor allem einheitlichere Gesetze zu diesem Thema verhandelt, die an den Briten dann vorbei gingen. Der EU-Austritt könnte nun zu lockere Copyright-Regelungen im Königreich zur Folge haben, zu Ungunsten der Künstler.

Ein weiterer wichtiger Faktor, auf den sich britische Musiker in Zukunft nicht mehr verlassen können, sind EU-Gelder, mit denen diverse Projekte und Festivals gefördert werden, für die beteiligten Künstler sind diese Förderungen essentiell zur Verwirklichung ihrer Ideen. Doch nicht nur die finanziellen Verluste sind bitter – sollte es solche Projekte in Zukunft nicht mehr geben, wäre dies auch ein großer Verlust für den musikalischen und kulturellen Austausch zwischen den Nationen und vermutlich auch ein erheblicher Motivationsdämpfer für alle Beteiligten.

 

Fazit: Kein Wunder, dass sich viele britisch Musiker so vehement für den EU-Verbleib Großbritanniens eingesetzt haben, der Brexit wird aller Wahrscheinlichkeit nach den noch florierenden Musikmarkt zwischen dem UK und der EU stark beeinträchtigen. Während sich Brexit-Befürworter wirtschaftlich nach China, Indien und Brasilien statt nach Europa orientieren wollen, was für bestimmte Produkte sicher möglich ist, dürfte das für Musik vermutlich schwieriger werden. Es muss allerdings an dieser Stelle noch einmal betont werden, dass der Brexit gerade erst am Anfang steht und sich erst nach mindestens zweijährigen Verhandlungen zeigen wird, wie das Vereinigte Königreich und die EU zukünftig zueinander stehen werden.

 

Brexit

Quelle: http://pitchfork.com/thepitch/1186-the-uk-leaving-the-eu-would-change-the-european-music-industry/

 



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