Musikalischer Jahresrückblick

KSHMR: Das waren seine Tracks in 2016

(Geschätzte Lesezeit: 6 - 12 Minuten)

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KSHMRDJ & Produzent KSHMR

Man weiß nicht so recht, was man von Niles Hollowell-Dhar alias KSHMR im Jahr 2016 halten sollte. Wie gewohnt ging es bei ihm querbeet durch die Genres, von Dance-Pop über Bigroom und sogar Psytrance bis hin zu Future Bass und Trap war alles irgendwie dabei. Über seine Fertigkeiten als Produzent brauchen wir nicht mehr zu streiten, denn diese sind mehr oder weniger unbestritten. Seine Live-Sets hingegen sind da so eine Sache... Wer sich lediglich um sein eigenes Entertainment schert, dürfte sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gut unterhalten fühlen. All diejenigen, die für ihr Geld auch reale Arbeit geboten haben möchten, dürften sich hingegen etwas hintergangen fühlen, denn KSHMRs „Live-Sets“ wirkten doch durch die Bank ziemlich prerecorded, was jedoch nicht verwunderlich ist - schließlich legt der Mann erst sein gut einem Jahr öffentlich auf. Musikalisch hatte KSHMR im Jahr 2016 allerdings so einiges zu bieten!


R3hab & CIara - Get Up (KSHMR Remix) (Januar)

Das Jahr begann für KSHMR mit einem für seine Verhältnisse etwas ungewohnten Genre, das er im weiteren Verlauf von 2016 allerdings immer häufiger produzieren sollte, nämlich mit trappigem Dance-Pop. Aller Anfang ist schwer und so ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser Remix zu R3habs und Ciaras tropisch angehauchtem „Get Up“ nichts für schwache Nerven war. Rein technisch lässt sich KSHMR nichts nachsagen, aber ein wirklicher Mitsing-Faktor tritt bei diesem Lied eben auch nicht ein. Zu bewusst dissonant ist das gesamte Setting gehalten, zu quäkig stellen sich die einzelnen Sounds dar, zu saft- und kraftlos ist Ciaras Stimme in den Strophen - genau gegenteilig in den Refrains, die dank ihrer angenehmen Stimmlage tatsächlich ein wenig ins Ohr gehen. Insgesamt maximal eine mittelprächtige Produktion, aber es kommt noch besseres, versprochen!


KSHMR & Felix Snow feat. Madi - Touch (Februar)

KSHMRs erste Original-Single des Jahres war eine Kollaboration mit Felix Snow und der Sängerin Madi. „Touch“ hat durchaus etwas berührendes, bis es in den doch sehr brachialen Drop hineingeht, der einen im Vergleich mit dem doch sehr beschaulichen und behaglichen Mainpart recht unsanft aus den Laken zu hauen weiß. Wir finden uns - trotz Beatports „Electro-House“-Labelung - im gepflegten Trap wieder. Die Strophen plätschern gemütlich vor sich hin und können einen durchaus gut einlullen. Gepflegte Pluck-Sounds und das Phänomen des Jahres 2016 schlechthin, nämlich Vocal-Chops, verbreiten gute Laune. Und obwohl uns der Drop mit der brachialen Gewalt glitchiger Dub-Sounds trifft, haben es die Produzenten geschafft, ihn perfekt auf den Rest des Tracks abzustimmen. Durchaus bemerkenswerte Produktion, die als Gratis-Beigabe für alle Beatport-Konsumenten noch eine weitaus massentauglichere VIP-Version mit sich brachte. Im 2/4-Takt und mit weniger harten Sounds lässt sich das Lied für den typischen Pop-Fan doch gleich viel besser aushalten!

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KSHMR feat. Sidnie Tipton - Wildcard (April)

Wohl einer von KSHMRs besten Track in diesem Jahr dürfte Wildcard gewesen sein. Der lange als Kollaboration mit dem niederländischen Progressive-House-Duo Vicetone gehandelte Song war KSHMRs erster Solotrack, der es an die Spitze der Beatport-Top-100 schaffte und wohl auch einer der beliebtesten Tracks des US-Amerikaners überhaupt. Die Breaks wissen durch ihr interessantes Sounddesign und Sidnie Tiptons erstklassig auf die Produktion abgestimmte Stimme zu überzeugen, der Drop hat dagegen eine ordentliche Wucht und den Mitgröhl-Faktor schlechthin - nach einer gewissen Menge Alkohol dürfte sich jeder dazu verleitet fühlen! In den vergangenen Wochen veröffentlichte KSHMR via Facebook ein Studio-Tutorial, in dem er demonstrierte, wie er Sidnie Tiptons Gesang in Melodyne an seine Vorstellungen anpasste. Wie schon zu „Touch“ gab es auch für „Wildcard“ eine VIP-Version, die entweder als Beigabe zum Beatport-Kauf des Tracks erhältlich war oder in KSHMRs EP-Album „The Lion Across The Field“ erhältlich war.


KSHMR - Dadima (Mai)

Speaking of it... im Mai kam dann KSHMRs EP-Album „The Lion Across The Field“, in dem er ein Kinderbuch vertonte, das er Jahre zuvor geschrieben und veröffentlicht hatte. Dadima, indisch für „Oma“, ist KSHMRs eigenen, indischen Großmutter gewidmet und hat das, was man wohl als „Atmosphäre“ bezeichnen würde. Sitar-Klänge, Panflöten, indische Vocal-Chops - die volle Palette, wenn es um indischen Sound geht. Interessant ist hieran zu beobachten, dass der Track mit 102 Beats pro Minute wohl das langsamste ist, was bisher unter dem Namen „KSHMR“ erschien - ein Hinweis auf zukünftige Produktionen? Ganz bestimmt, denn genauso geht es auf der EP auch weiter. Insgesamt lässt sich über „Dadima“ sagen, dass der Track zwar ein hohes Niveau erreicht, aber nicht wirklich hochklassig ist. Drops und große Teile der Breaks sind sehr angenehm anzuhören, aber dieser Track ist nichts, was man monatelang in Dauerschleife hören kann.


KSHMR - Hymn of Reflection (Mai)

Wir bleiben im selben Tempo-Bereich um die 100 Beats pro Minute. „Hymn of Reflection“ ist ein weiterer Track von der EP „The Lion Across The Field“. Hierbei handelt es sich wohl um eine der interessantesten Produktionen dieses Albums, da wir einerseits eine Vielzahl verschiedener, interessanter Sounds zu hören bekommen, andererseits aber auch schöne Stimmen und durch einen kräftigen Daftizer gejagte Vocal-Chops - quasi ein „Get Lucky“ aus Fernost. Die Mischung aus organisch und elektronisch passt hier einfach zu gut. Eine eingängige Melodie und die angenehme Grundstimmung lässt einen sehr harmonisch strukturierten, gut hörbaren, aber auch nicht übermäßig spektakulären Track entstehen, der sich eigentlich am besten als Hintergrundbeschallung eignet.


KSHMR - Jungle Whistle (Mai)

Als KSHMR „Jungle Whistle“ erstmals im Dezember 2015 auf seiner Facebook-Seite teaste, wussten seine Fans nicht so recht, was sie davon halten sollten. Der geteaste Abschnitt war etwas quäkig, andererseits aber auch wieder sehr atmosphärisch, sodass sich die Fans uneins waren, was denn nun aus dieser Nummer werden sollte. Herausgekommen ist eine Mischung aus dem wie gesagt sehr quäkigen Break-Part und einem interessant instrumentierten Drop, der leichte Moombah-Vibes zu verbreiten weiß. Die Kombination aus quäkigen Saws und Stringsounds arrangiert in orientalischen Harmonien kann schon einiges. Zu beachten sind besonders die für westliche Harmonieschemata undenkbaren übermäßigen Sekund-Intervalle im Drop-Lead. Tempomäßig ist eine Steigerung auf 110 Beats pro Minute zu erkennen. Eine der stärkeren Produktionen von der EP, ganz ohne Frage.


KSHMR - Sleepwalk (Mai)

„Sleepwalk“ ist die wohl unspektakulärste Produktion von „The Lion Across The Field“. Die etwas beliebig gewählten Melodien plätschern betulich vor sich hin, östliche Stimmen schnattern unverständlich vor sich hin, eine allgegenwärtige Panflöte bläst uns in sanftestmöglicher Manier den Marsch ohne wirklich da zu sein. Tempomäßig erreicht die Nummer zwar einen Nennwert im Bereich eines normalen Housebeats, vermag aber doch eher einzuschläfern, da eine wirklich dominante Kickdrum fehlt - Tempo ist eben nicht alles! Wenn man es sich in seinem Ohrensessel gemütlich machen möchte und gerne ruhige, elektronische Saiten anschlagen möchte, dann möge man „Sleepwalk“ erlauben, seinem Namen gerecht zu werden. Das berühmte Wort „Geschmackssache“ trifft hier ganz gut zu.



KSHMR - Dhoom (Mai)

Mit „Dhoom“ folgt nun die bombastischste Produktion auf dem EP-Album. Aufgrund einer gewissen, nicht zu leugnenden Ähnlichkeit des Track smit Hardwells Meisterwerk „Eclipse“ wurde diese Nummer im Vorfeld vielfach als Kollaboration KSHMRs mit dem Niederländer oder gar als Remix zu „Eclipse“ betitelt. Doch von einer Ähnlichkeit der Klangfarbe und Melodie abgesehen ist „Dhoom“ dann doch etwas völlig anderes. Gesunder Bigroom-Sound mit nahöstlichen Anleihen, die teils in den Turk-Pop abdriften, trifft auf ausgeflippte Sounds und interessante Rhythmik. Dieser Track schlägt auf jeder EDM-Stage ein wie eine Bombe! Eine Nummer, die zeigt, dass die Big Kick im richtigen Einsatz sowohl qualitativ hochwertige Produktionen hervorbringen  als auch Massen zu Toben bringen kann! Die wohl beste Produktion auf dem EP-Album.


KSHMR & Headhunterz - Dharma (Juni)

Nachdem bereits Headhunterz' Kollaboration „Kundalini“ mit dem Polen Skytech für seine langersehnte Co-Produktion mit KSHMR gehalten worden war, erschien zwei Monate später endlich „Dharma“. Man hört recht deutlich beide Produzenten heraus: Zu Headhunterz' Hardstyle-Sounds gesellt sich KSHMRs weithin bekanntes Gespür für östliche Klänge und Harmonien. Insgesamt folgt der Progressive-House-Track einem sehr klar strukturierten Aufbau und überzeugt unter anderem auch durch den sinnvollen Einsatz indischer Vocals in der Break und Vocal-Chops im Drop. Selbiger schlägt ziemlich gut ein und trägt Merkmale beider Künstler in sich, besonders Headhuterz' Hardstyle-Lead ist klar erkennbar. Nach „Kashmir“ und „Jammu“ wieder eine sehr hochklassige Produktion mit indischen Anleihen unter KSHMRs Beteiligung.


KSHMR & Tigerlily - Invisible Children (September)

Im September erschien in relativ kurzer Folge auf die erste Ankündigung der Nummer via Facbook KSHMRs Kollaboration „Invisible Children“ mit der australischen DJane Tigerlily. Was anfangs wie ein dreister Kopierversuch der Produzenten aussah, entpuppte sich letztendlich als ein klassischer Fall von „Parallelentwicklung“. Der eher unbekanntere Produzent Jango hatte nämlich bereits einige Monate zuvor einen doch recht ähnlich klingenden Track veröffentlicht. Letztendlich klärte sich das ganze so auf, dass beide ein Vocal-Sample aus demselben Soundpack „Indian Voices 2“ benutzt und ihre Inspiration aus dem Track „Mumbai“ von JDG bezogen hatten. Insgesamt ist „Invisible Children“ wohl KSHMRs bester Track in diesem Jahr. Er vermag durch Anleihen aus der Psytrance und die kunstvolle Verwebung mit klassischem Bigroom zu überzeugen. Trotz der Kopiervorwürfe ein dickes „Thumbs Up!“ für diesen Track! Bemerkenswert wäre noch der VIP-Mix, den es hier wie üblich als Gratisbeigabe zu jedem Beatport-Kauf gab, allerdings leider ziemlich lieblos wirkt.


KSHMR & Will Sparks - Voices (September)

Kurz nach „Invisible Children“ gab es eine etwas eigenartige Kombination aus Melbourne Bounce und atmosphärischer, indisch angehauchter elektronischer Musik auf die Ohren. Die Kollaboration „Voices“ von KSHMR mit dem Melbourne-Bounce-Meister Will Sparks ist etwas, was man nicht alle Tage hört, andererseits fragt sich aber auch, ob man das alle Tage hören möchte. Die Nummer hat abermals etwas, was manche als „Atmosphäre“ identifizieren mögen, aber stellt sich dann doch leider etwas saft- und kraftlos dar. Daran ändern auch die interessanten Bässe im Drop und die östlichen Vocal-Chops nur wenig. Als Free Download via Spinnin' Premium konnte man die Single gut und gern mitnehmen, aber als offizielles Release hätte sie sich nicht gelohnt. Klassischer Fall von „Geschmackssache“!

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KSHMR & Bassjackers feat. Sidnie Tipton - Extreme (Oktober)

KSHMRs jeweils zweite Kollaboration mit den Bassjackers und der Sängerin Sidnie Tipton war ein Versuch, auf der derzeit so beliebten „EDM-Trap-Welle“ zu reiten, für die sich Acts wie Major Lazer oder The Chainsmokers verantwortlich zeigen. Letztere waren wohl auch das Vorbild für „Extreme“, das strukturell doch starke Anleihen aus den letzten Singles der Chainsmokers zeigt. Aber nur weil es wie Chainsmokers aussieht, muss nicht auch Chainsmokers drin sein, so auch hier: Die quäkigen Drop-Sounds vermögen kaum zu überzeugen und auch der Rest des Lieds ist eher ein Abklatsch der erfolgreichen Chainsmokers-Songs. EDM-Trap und fernöstliche Atmosphäre funktionieren eben nicht unbedingt allzu gut - und im Mainstream sowieso gleich dreimal nicht! Unguter Versuch von KSHMR und den Bassjackers, auf den Hypetrain des Jahres aufzuspringen. 


KSHMR & B3nte & Badjack - The Spook Returns (Oktober)

Pünktlich zu Halloween warf KSHMR sein Follow-Up zu „The Spook“ von letztem Jahr auf den Markt. Abermals handelt es sich um eine Kollaboration mit dem schwedischen Youngster B3nte und diesmal anstelle der Basskillers mit dem Produzenten Badjack, die einfach die typischen Halloween-Sounds miteinander vereint und durch ebenso mächtige wie eingängige Melodien zu überzeugen weiß. Eine Psytrance-Bassline und gruselige Vocal-Chops im Drop runden das Haloween-Spektakel kräftig ab. Diese Nummer dürfte wohl viele Clubs an Halloween heimgesucht haben. Dankenswerterweise stellten die Produzenten den Song auch noch zum kostenlosen Download zur Verfügung, was uns allen die Sache nochmals versüßt hat. Einfach eine schöne Nummer, die man immer wieder hören kann!


Radiohead - Creep (KSHMR Cover) (November)

Mit „Creep“ kam im November gleich ein weiterer kostenloser Download hinterher. Hierbei handelt es sich um ein Cover des gleichnamigen Radiohead-Songs im Gewand des aktuell so beliebten EDM-Traps. Allzu viele Worte lassen sich zu dieser Nummer nicht verlieren - es wurden einfach alle Klischees bedient, die diese Musik eben so hat. Future-Bass-Flächensounds, Vocal-Chops,  Trap-Rhythmus und die üblichen Spielereien im Drop lassen ein etwas farbloses Stück Musik entstehen, von dem wir nicht unbedingt mehr brauchen - ganz in Ordnung, aber nur gerade so den Klick wert, um es als Free Download mitzunehmen. Ob das Radiohead so gut gefallen hat, ist reine Spekulationssache. Apropos Spekulatius, auf geht’s in den Dezember!


KSHMR & Marnik - Mandala (Dezember)

Das finale Kapitel des Jahres 2016 beschließt KSHMR wie schon im Vorjahr mit einer Kollaboration mit Marnik, die auch wieder die offizielle Hymne des Sunburn-Festivals in Goa sein wird. Im vergangenen Jahr verhunzten die Produzenten in letzter Sekunde ihr eigentliches Meisterwerk „Bazaar“ durch einige Last-Minute-Fehler im Mixing - also lasst uns beten, das es in diesem Jahr nicht wieder so wird. Apropos wieder... das Soundbild in „Mandala“ gestaltet sich doch sehr ähnlich wie das von „Bazaar“, insbesondere die Bassline und die Leadsounds im Drop. Zwar hören wir eine völlig andere Melodie, doch das Setting allgemein ähnelt dem Vorgänger sehr stark. Nichtsdestoweniger kann man konstatieren, dass es sich auch bei Mandala um einen sehr starken Bigroom-Track handelt. Wenn es sowas in den vergangenen Jahren häufiger gegeben hätte, stünde das Genre jetzt wohl nicht vor dem Exitus.

 

Fazit: Insgesamt erlebte KSHMR ein durchaus gemischtes Jahr 2016. Highlights waren sicherlich „Dharma“, „Dhoom“, „Invisible Children“, „Touch“, „The Spook Returns“ und „Mandala“, während einer der Tiefpunkte wohl sein Cover zu Radioheads „Creep“ und auch sein Remix zu R3habs und Ciaras „Get Up“ waren. So geht ein turbulentes Jahr aus der Sicht des Produzenten zu Ende, in dem er seinen Stil durchaus weiterentwickeln konnte, an anderer Stelle aber auch Rückschritte verbuchen musste.

 

Sonstiges

Die Tracks „Sleepwalk“, „Dhoom“, „Jungle Whistle“, „Dadima“, „Wildcard (VIP Mix)“ und „Hymn Of Reflection“ stammen aus dem EP-Album „The Lion Across The Field“, dem außerdem noch diverse Zwischenspiele angehörten, in denen Passagen aus Niles Hollowell-Dhars gleichnamigem Kinderbuch vorgetragen wurden.