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24
Sep
2015

Das Statement eines Künstlers

Avicii äußert sich zu seinem „Country-EDM“

Dinge, die wir uns schon immer dachten, uns aber nie zu fragen getrau... halt, wir haben sie ja als Fragen gestellt, und das nicht zu knapp! Seit dem Ultra Music Festival 2013 fragt sich jeder Fan der elektronischen Tanzmusik von Wladiwostok bis Honolulu, was es mit diesem rätselhaften „Country-EDM“ auf sich hat, was Avicii, bürgerlich Tim Bergling, da produziert und spielt. Jetzt hat sich der Schwede in einem kurzen (kleiner Scherz) Statement auf der Internetseite „Quora“ diesbezüglich geäußert. Das originale Statement von Avicii auf Englisch könnt Ihr hier nachlesen, zur besseren Verdaulichkeit haben wir es Euch im Folgenden aber auch übersetzt:

 

Die Kurzform meiner Antwort lautet: Ich halte es nicht einmal für Country-EDM, selbst wenn das die Schublade ist, in die manche es stecken mögen. Ich bin in diesen Sound durch die Musik hineingeraten, die ich zu dieser Zeit gehört und geliebt habe. Es folgt eine etwas tiefergehende Antwort.

Es gab niemals in meinem Leben einen Punkt, an dem ich mit „Country-EDM angefangen“ habe. Zunächst hat mich diese Abstempelung als „Country“ nach dem Ultra (Music Festival Miami 2013, d. Red.) sogar ziemlich überrasch und ganz ehrlich langweilen mich langsam diese Leute und Künstler, die zwanghaft versuchen müssen, ihre Musik einer Ordnung zu unterwerfen, um besonders einzigartig zu wirken.

Meine erste Antwort darauf wäre: Meine Musik bedient sich aus allen musikalischen Formen, ob es nun als Country-EDM, Blues-Techno oder Jazz-Trap bezeichnet wird, ist mir inzwischen persönlich relativ egal. Ich liebe Musik. Alle Arten von Musik, die auf den gemeinsamen Nenner „irgendwie halbwegs melodisch“ kommen. Es ist schon wahr, dass mein Image als Künstler dank meiner ersten echten Romanze mit einem Genre nun einmal das eines House-Produzenten ist – ich kriege immer noch eine Gänsehaut, wenn ich „Teasing Mr Charlie“ von Steve Angello oder „Shadows“ von Prydz (Eric, d. Red) höre und ich spiele diese Musik auch in meinen Sets, weil ich noch immer denselben Kick davon kriege.

Nachdem nach nach sechs Jahren Produktion von Progressive House (warum auch immer das so heißt) etwas knirschte, obwohl dabei tolle Tracks wie „Levels“, „Seek Bromance“, „Fade Into darkness“ und andere herauskamen, wollte ich mich einfach einmal weiterentwickeln, wie das eigentlich jeder Künstler möchte. Wie hätte es denn ausgesehen, wenn jeder Ray-Charles-Song oder jeder Beatles-Song auf exakt der gleichen Grundform basiert hätten?

Eine sichere Sache wäre es für mich sicherlich gewesen, diese Levels-Kuh bis auf den letzten Tropfen zu melken – ich weiß ja, wie man das macht und es fällt mir ziemlich leicht. Ich wusste ja ganz offenbar, dass da ein gewaltiges Risiko bestand, meine Musik einem so rapiden Stilwechsel zu unterziehen. Aber ich habe ebenso jeden einzelnen Song auf meinem „True“-Album geliebt, ebenso wie ich jeden Track von „Stories“ liebe. Es ist schon einiges passiert, dass ich vom Country beeinflusst wurde – oder eigentlich eher vom Bluegrass, einem Subgenre des Country, sowie europäischem Folk. „true“ repräsentiert sehr viel von dem, was ich zu dieser Zeit privat gehört habe, so wie beispielsweise „Fleet Foxes“, „Mumford and Sons“, „Of Monsters and Men“, „Edward Sharpe and the Magnetic Zeros“ und zahllosen anderen Beispielen großartiger Künstler.

„A Man Of Constant Sorrow“, am bekanntesten in der Version von Dan Tyminski in dem Film „Oh Brother Where Are Though?“ hat mich dazu verleitet, Dan zu kontaktieren und nachzufragen, ob er daran interessiert wäre, bei einem Track mitzusingen, dien ich zuvor gemeinsam mit Salem Al Fakir und Vincent Pontare geschrieben hatte – letztlich wurde daraus „Hey Brother“. „Wake Me Up“ war eigentlich ein etwas verbesserter Song aus einer Jam-Session, bei dem Aloe Blaccs motownesquer Sound dafür gesorgt hat, dass es etwas anderes wurde als konventionelle Country-Musik.

Avicii

Um mal ganz ehrlich zu sein: Ich war nie ein Fan von Country als Ganzes – die breite Masse der Tracks folgt eigentlich einem ziemlich langweiligen Harmonie- und Kadenzschema und fühlt sich wie derselbe Song wieder und wieder an. Da ich keinen weniger verurteilenden Begriff finde, muss ich die Musik nach meinem Gehör in folgende Schubladen stecken: Ich höre einen Unterschied zwischen „Redneck Country“ und Bluegrass (wobei an dieser Stelle erwähnt bleiben sollte, dass Klassiker des “Redneck Country”, die aus der Masse herausstechen sicherlich grandiose Songs sind, die breite Masse jedoch eher langweilt). Mit dieser Separierung hat für mich vor allem das schwedische Äquivalent zu Country, das ironischerweise übersetzt „Dance Bands“ hieße, zu tun. Beispielsweise gäbe es da Lasse Stefanz.

Sorgt euch nicht um die schwedischen Texte, ich bin mir sicher, ihr versteht, was ich meine. Das wäre dann die basale Erklärung, wieso mich diese Abstempelung als Country-Musiker doch ziemlich überrascht hat und warum ich finde, dass diese Generalisierung von Musik falsch ist. In dem Moment, als die Leute ein Banjo gehört haben, haben sie den Tracks die Aufschrift „Country“ verpasst, und das, obwohl Country so ein riesiges Feld an Musik ist, das die meisten nicht einmal überschauen, geschweige denn durchdringen. Aber das erste, was ein Mensch denkt, wenn er das Wort „Country“ liest, ist die Assoziation mit einem texanischen Cowboy oder eben einem „Redneck“.

In den vergangenen drei Jahren habe ich ziemlich viel herumexperimentiert und eine Vielzahl von Tracks geschrieben und produziert, die Einflüsse aus einem noch größeren Feld von Genres haben und ich finde es ziemlich lustig, dass aus den zehn Tracks aus „True“ gerade einmal zwei wirklich als „von Country inspiriert“ abgestempelt werden können. Und dennoch – das ist die Brandmarke, die ich erhielt, weil „Wake Me Up“ eben das wurde, was es wurde. Leider Gottes – eben wegen jenes Country-Rufs von „Hey Brother“ und „Wake Me Up“ gingen dann einige Tracks des Albums unter. Als Beispiel: Meine Lieblingssongs auf „True“ waren „Shame on me“ und „Lay me down“.

Der letzte Teil, den ich noch ansprechen möchte, ist der Begriff „EDM“. Eine ganze Menge von Produzenten, wahrscheinlich alle von ihnen hassen diesen Begriff, weil er sie alle in einen riesigen Kochtopf wirft, nämlich den der „Elektronischen Tanzmusik“. Das erzeugt in jedem vernünftigen Musiker das Gefühl „Hey, meine Musik klingt völlig anders als die von X, daher sollte sie doch auch anders heißen!“. Eigentlich macht es ja nichts aus, in was für einer Schublade der Track jetzt letzten Endes landet – entweder er gefällt dir oder er tut es nicht. Das ist auch der Grund, warum der Begriff „guilty pleasure“ mir persönlich fremd ist. Wieso sollte man sich dafür schämen, etwas zu mögen, nur weil es in die falsche Genre-Schublade einsortiert wurde? Ein großartiges persönliches Beispiel wäre da Ronan Keatings „When Yo Say Nothing At All“.

Das ist ein grandioser Track in beinahe jeder Hinsicht. Ein Pop-Song, der mehr in die Richtung eines weiblichen Publikums geht, klar – man muss sich klarmachen, am besten „klarhören“, wofür er eigentlich gemacht wurde. Wo liegt hier die Scham oder das Laster? Kein Mensch wird sich „Iron Man 3“ ansehen und dieselbe sensationelle emotionale Erfahrung zu machen erwarten, als wenn er sich „The Fountain“ oder „12 angry men“ ansieht. Man schaut sich iron Man 3 dafür an, wofür er gemacht wurde – ein überdurchschnittlicher – wahrscheinlich einer der besten sogar – Action-Blockbuster mit supercoolen Spezialeffekten und purer Unterhaltung. Das wird auf gar keinen Fall ein Film sein, der einen irgendwie bewegt, wahrscheinlich wird man auch nicht viel denken müssen, um ihn zu verstehen. Aber diese Art von Filmen braucht die Menschheit auch, denn ab und zu will man eben einfach nur unterhalten werden. Irgendwo ein „Guilty Pleasure“ in Sicht? Keine Spur! Es ist einfach nur ein Unterschied zwischen zwei Ausprägungen derselben Kunst zu beobachten, die einem unterschiedlichen Zweck dienen.

Tut mir Leid, dass ich so ein langes Essay dazu verfasst habe, aber diese Frage wurde mir jetzt so oft gestellt, dass ich das Gefühl hatte, dass es erforderlich ist, eine tiefergehende, genuine Antwort zu geben – für jetzt und alle Zeit!

Avicii (Tim Bergling)

 

 



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