Eurovision 2023 - Unser Lied für Liverpool

Tongraupengrütze zum deutschen ESC-Vorentscheid

(Geschätzte Lesezeit: 4 - 7 Minuten)

ESC-Vorentscheid 2023Der ESC-Vorentscheid findet am 03. März ab statt.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dran vorbeizuhören - am deutschen Vorentscheid zum weltweit größten Musik-Contest. Der Eurovision Song Contest ist mit 160 Millionen Zuschauern ein wichtiger jährlicher Fixpunkt auf dem musikalischen Globus.


von schräg bis prägend

So sehr der ESC in Deutschland einen musikalischen Versehrtenstatus besitzt und als so verstaubt und überholt wie „Wetten dass …" gilt - in der restlichen Welt ist diese Mega-Show prägend für schlechte Outfits, politische Aussagen (obwohl alles auf dem Papier unpolitisch sein muss), Förderung der LGBTQ-Offenheit, viel Spaß und Musik-Trends. Der Wettbewerb der Liedermacher wird durch das Schrille manchmal überlagert, doch im Hintergrund arbeiten die weltweit größten Producer und Composer an den Songs der unterschiedlichen Länder.


… und dann ist da noch Deutschland

Rund um den Stefan-Raab-Hype hätte Deutschland fast den Schalter gefunden, den ESC in seiner Wichtigkeit zu begreifen und eine Eigendynamik zu entwickeln. Alles gipfelte im Sieg von Lena mit „Satellite" und vielleicht noch in der ESC-Show in Düsseldorf 2012. Seit über zehn Jahren herrscht musikalisches Schweigen. Kurz gab es aus der „Flatline" eine Pulsspitze mit Michael Schultes 2018er „You Let Me Walk Alone", um dann wieder ein gleichbleibendes, leises Piepen zu erzeugen.
Das Problem ist, dass ein deutscher Beitrag nicht versuchen darf, international zu klingen, da wir als „die auf 1 und 3 klatschenden Kartoffelköpfe" gelten. Das Internationale kauft uns niemand ab. Wir müssen echt sein, so mitten in Europa gefangen. Selbst die besten Producer können uns nicht helfen, wenn letztlich immer noch öffentlich-rechtliche Ohren den Song „für den deutschen und internationalen Markt" gleichzuschalten versuchen. Damit wird der letzte Funken Leben aus jedem Song getrimmt.


Willkommen im deutschen Vorentscheid 2023

Ich bin es so leid, solch ein Pessimist in Sachen ESC und deutsche Beiträge zu sein. Und das wird uns als Deutschen oft als Schwäche vorgeworfen: Wir sollen unsere Leistungsträger, unsere Ideale, unsere Bildung, unser Land supporten und nicht immer schlechtreden. Ja. Das stimmt! Doch weil ich unser musikalisches Potenzial, auch in Sachen Eurovision Song Contest, kenne und sehe, dass es zu 0,86% ausgeschöpft wird, macht es mich traurig und wütend. Es ist nicht das erste Mal, dass diese Diskrepanz besteht; es ist nicht das erste Mal, dass darüber diskutiert wird, was geändert werden muss, um im ESC mitschwingen zu können. Das macht kraftlos. Schauen wir mal, was dieses Jahr so läuft.


Zeit für einen Walk-Through


TRONG - "Dare To Be Different"

548 Einreichungen über die Eurovision-Website und 900 Videos mit dem richtigen Hashtag auf TikTok - und diese Hupfdohlen mit 2000er-Bohlen-Groove sind dabei. Uff.
„Uff" als komplette Rezension ist natürlich gemein, denn hinter jedem Künstler steht eine Geschichte und oft viel Professionalität. Deutscher Hip-Hop-Meister, Ausbildung am Music College Hannover und Sieger bei „Vietnam Idol" sind fette Pfunde auf der Habenseite. Auch wenn TRONGs Lebenslauf gut zum Titel passt (riskieren, anders zu sein), ist der Song auf ESC-Hochglanz getrimmt und fällt durch den Ohrwurm-Test.


Will Church - "Hold On"

Mit langen Haaren und Löwenherz-Vollbart barfuß in Zeitlupe durch Wälder streifen - das ist schon Emotion. Ich habe nicht gegoogelt. Aber bei Will Church fällt mir sofort ein, dass jemand seinen profanen deutschen Namen schicker machen möchte. Ich glaube an Wilfried Kirch. Klassische ESC-Pop-Ballade. Gute, sympathische Stimme, aber eine schon tausend Mal gehörte Durchschnittsballade, die Wilfried Kirch sicher auch nur als Dienstleister sang, weil es ihm gesagt wurde. Puh.


Lonely Spring - "Misfit"

„Los", sagten die öffentlich-rechtlichen Entscheider, „wir nehmen einfach die ‚Zitti e Buoni' Look-Close-Enough-Band, die einen auf nette ‚Green Day' machen, und können jedenfalls sagen, dass wir für alle etwas dabeihaben." Etwas zu gewollt auf ‚aufmüpfig' getrimmt, aber in Ordnung. Für mich gehört das in den TOP-3-Kandidatenkreis. Ein bisschen rotzig, viel britischer Pub-Pop-Punk. Das könnte gehen.


Patty Gurdy - "Melodies Of Hope"

„Leuchte jetzt hell, nur die Liebe führt uns." Noch Fragen? Wenn die Hurdy-Gurdy (so heißt die Drehleier) kommt, ist der keltische Chart-Folklore-Pop unausweichlich. Dieser Song hält sich erst etwas zurück, als ob er sich die volle Breitseite ‚Faun' nicht trauen würde, kann sich dann aber nicht mehr halten und wird mit nervigen Euro-Nu-Dance-Beats unterlegt. Kann live Spaß bereiten - wie ‚Santiano' im Shanty-Rock-Bereich -, ist aber immer etwas konservig und gewollt.


Lord Of The Lost - "Blood & Glitter"

Die finnischen 12 Punkte für ‚HIM'-Anhänger sind schon mal sicher. Ein bisschen zu overdressed für den Gothic-Pop (oder genau richtig für den ESC?), aber neben allen Chart-Registern ist es doch anders - und ich weiß, dass diese Band kein Casting-Produkt ist, sondern eine echte Band-Biografie dahinter steht. Mit vielen Auftritten und fetter Fanbasis. Erfolgreiche deutsche Musikexporte sind gemeinhin hart, düster, frontal. Somit nimmt Europa diese Musik den Deutschen ab. Schön trans-lastiges Outfit, poppige Beat-Stringenz und doch öffentlich-rechtlicher, böser Outcome. Wenn es die Band durch den Vorentscheid schafft, gibt es mehr als Zero Points. Ich tippe sogar auf ein Abschneiden im oberen Mittelfeld - plus X.


Ikke Hüftgold: "Lied mit gutem Text"

Das ist OK. Genügend ESC-Frustrierte stimmen per Klick gegen das bestehende ESC-System. Gut so. Wieder ein Erfolg für den Familienvater, der als Ikke eine so herrliche Rolle spielt. Mallorca 2023 ist für ihn sicherlich bereits seit „Layla" ausgebucht. Aber der Antiheld ist der Retter des schrägen Schlagers. Es kann gut sein, dass Ikke Hüftgold als Vertreter gewählt wird - etwas mehr Musikalisches wäre aber doch ganz schicki-micki.


Frida Gold - "Alle Frauen in mir sind müde"

Frida Gold ist eine gewachsene Band mit Sängerin Alina Süggeler. Frida Gold steht hier für mich als Beispiel für die Gefahren der Musikindustrie. Eine Marionette, die so verkauft wird, als wäre sie emotional und tiefgründig. Dabei geht es nur darum, scheinbare Emotionen und Tiefgründigkeit zu erzeugen, um möglichst viele Verkäufe und Streams zu generieren. Sie sind ein Produkt, das durch die Musik wie eine Werbeanzeige vermarktet wird. Gefährlich daran ist, dass viele Menschen glauben, darin einen persönlichen Bezug zu erkennen, und damit lenk- und leitbar werden. Frida Gold stehen für eine Maschinerie - wie fast alle großen deutschen „Künstler" in den Charts -, als modernes „Brot und Spiele".


Anica Russo - "Once Upon A Dream"

Ganz ehrlich: Das ist die Musikerin, die ich mir für den ESC wünsche. Singer-Songwriter, schreibt die Songs selbst, hat im Eigenverlag veröffentlicht, um sich nicht reinreden zu lassen, hat europäische Wurzeln. Cool. Leider ist der Song langweilig und irgendwie pastoral.


René Miller - "Concrete Heart"

German Songwriting Award 2018, seitdem in Song-Writing-Collabs, Studiozeit in London. Das ist der Stoff, aus dem ESC-Writer gemacht sind. Und was macht René Miller für sich selbst? Einen balladigen Ohr-Flop mit 30-Sekunden-Wiedererkennung. Schade.


03. März 22:20 Uhr Live-Show „Unser Lied für Liverpool"

Am 03. März findet der Vorentscheid „Unser Lied für Liverpool" in Köln statt. Barbara Schöneberger - als Dauermoderatorin - kann man wohl nicht rausvoten, aber dafür ist die Uhrzeit von 22:20 Uhr sinnvoll gewählt. Damit werden die 60-plus-Wählerinnen und -Wähler vor dem linearen Fernseher ausgebremst, die sonst am Freitagabend die Mitschunkel-Songs in den ESC telefoniert haben. Um 22:20 Uhr schalten tatsächlich die Menschen ein, die am ESC interessiert sind. Einer Verzerrung des Votings soll zudem vorgebeugt werden, indem jede Stimme nur einmal abgegeben werden kann - und das bereits jetzt bis zum 03. März um 22 Uhr. Damit wird nicht die Live-Performance gewählt, sondern die Präsenz und der Song im Vorfeld. Die Idee klingt schon mal gut. Langsam wird es also spannend, wer Deutschland beim ESC vertritt - ob Tongraupengrütze oder doch der Beginn einer neuen ESC-Ära?

Fazit: Der deutsche Vorentscheid hat viele Ohr-Flops zu bieten. Viele gute Musikerinnen und Musiker lassen ihr Potenzial im Sinne einer falschen Idee von Internationalität liegen. Wenn nicht Ikke Hüftgold als Frustwahl gewinnt, wird es „Lord Of The Lost", die die richtige ESC-Mischung mitbringen könnten. Zu gönnen wäre es auch „Lonely Spring", um ein Schippchen Dreck nach Liverpool zu tragen.

(Dies ist die Sichtweise des Autors und spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider. ?)