„Blood and Glitter“ - unser Song für Liverpool

ESC und Wacken - Lord of the Lost

(Geschätzte Lesezeit: 2 - 4 Minuten)

Lord of the LostLord of the Lost | © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Zwischen „Untergang der Zivilisation" und „Endlich gewinnt Deutschland mal wieder den ESC" wallten die kurzen Statements in den sozialen Netzwerken auf. Durch das mit Abstand gewonnene Zuschauervoting konnte „Lord of the Lost", trotz durchschnittlicher Jury-Wertung, nicht mehr eingeholt werden und ist mit „Blood and Glitter" der deutsche Beitrag für den Eurovision Song Contest in Liverpool geworden.


Unser Song für Liverpool - ein Schlaglicht

Die handzahme Euro-Ballade von Will Church belegte bei den Jury-Wertungen den ersten Platz. Klar: gute Stimme, sauber choreographierte Musikelemente, keine Überraschungen. Neben Hupfdohlen-Pop ist so eine Euro-Ballade ein probates Mittel, beim ESC seicht mitzuschwimmen. Gut, dass die Zuschauer anders abgestimmt haben. Das wäre der Titel gewesen, nach dem alle Deutschen gesagt hätten: „Warum sind wir wieder Vorletzter? Der Song war doch nicht schlecht. Europa mag uns nicht."
Dann doch lieber Ikke Hüftgold, der nun wirklich mit aller Macht, Promoalarm und 50.000 kostenlosen Shots in unterschiedlichen Kneipen und Clubs versucht hat, zum ESC zu kommen. Alle sprachen über ihn, aber das passgenaue Aktivieren hat nicht funktioniert. Für zu viele war der Song-Ungehorsam zu gewollt - ein Festkleben mit Nanana-Sekundenkleber am Ohrwurm der ESC-Zuhörer.
Das brachte in der Gesamtzählung lediglich den geteilten zweiten Platz mit Will Church.


Hart, aber bitte dennoch für viele Ohren

Neben den erwähnten Statements in den sozialen Netzwerken wurde zudem immer wieder versucht, den Song „Blood and Glitter" in Musikrichtungen und Vergleichsbands einzuordnen. Da ich nicht tiefgründig schreibe, sondern als Ich-Erzähler in Kolumnenform, werde ich den Song natürlich auch einsortieren.
Schnell wird Lordi (finnischer ESC-Gewinner 2006) ausgepackt. Damals schon ein Novum: in Cosplay-Art harten Rock abzuliefern - und auch noch zu gewinnen. Doch zwischen Glam-Rock (Wig-Wam - In My Dreams - Norwegen - 2005) bis True-Metal (Teräsbetoni - Missä Miehet Ratsastaa - Finnland - 2008) ist immer mal wieder eine härtere Gangart im ESC vertreten, dabei oft abgeschlagen auf hinteren Plätzen. Doch gerade einmal vor zwei Jahren haben „Måneskin" aus Italien mit „Zitti e buoni" den ESC mit einem rockigen Song gewonnen.


Androgyner Glam und Blut Rock

Somit ist „Lord of the Lost" kein so ungewöhnlicher Beitrag, wie derzeit impulsiv dargestellt wird. Vielmehr hat die professionell aufgestellte Band ganz klar eine Nische gesucht und gefunden, bei der der ESC ein Teil der Strategie - aber ein Gimmick - sein wird. Bereits seit 2007 - erst als Solo-Projekt - gibt es „Lord of the Lost", die anfangs nur „Lord" hießen.
Wie von einem Buffet der härteren Gitarren-Musikgenres haben sich „Lord of the Lost" vom Wohlschmeckendsten bedient. Ein bisschen androgyner Style nach Art von Marilyn Manson, ein bisschen Over-The-Top-Glam der 80er wie Spinnen vom Mars, melancholische, bassgewichtige Stimmelemente aus Gothic, Wave und Dark Rock, gefolgt von kreischigen Shouts aus dem Punkigen und Grungigen. Doch neben dem sehr harten Sound, der mitunter bis in den Metal geht, tragen Melodien die Songs. Trotzdem wirkt alles nicht zusammengewürfelt, sondern stimmig. Da es keine Stilrichtung mit diesem Namen gibt, nenne ich sie einfach, angelehnt an den aktuellen Titel: Blut Rock.

Featured Track (Werbung)


Der Grand-Slam des Musik-Business

Unabhängig davon, wie es beim ESC läuft - „Lord of the Lost" können den ersten Grand Slam des Musikbusiness schaffen. Sie sind der deutsche Beitrag beim Eurovision Song Contest, treten kein Vierteljahr später beim Wacken Open Air auf; nun müssen sie es nur noch Voll-Playback beim ZDF-Fernsehgarten 2023 auf die Bühne schaffen, dann kann ihnen den Cross-Over Grand Slam niemand mehr streitig machen.
So weit entfernt ist der Gedanke nicht, denn der Sänger und Bandgründer Chris Harms bewegt sich als Produzent auch entspannt auf Schlager-Pfaden. Für Nino De Angelo (jahrzehntelang der „Jenseits von Eden"-Sänger) produzierte Harms 2021 das Gold-Album „gesegnet und verflucht" und ließ De Angelo auf rockigeren Wegen wandeln. Die Schlagerwelt würdigt das. Also: auch hier ein Bedienen am Musik-Buffet. Nichts ist festgelegt.

Fazit: Ich habe noch gar nicht darüber gesprochen, wie „Lord of the Lost" beim ESC 2023 abschneiden werden. Das hole ich kurz nach: Durch die Vielfältigkeit, das Bedienen von ESC-Trigger-Punkten und die in Europa erwarteten härteren Klänge aus Deutschland kann das Gesamtpaket funktionieren. Ich tippe auf das obere Mittelfeld, mit Tendenz zur TOP 10.