Unsere ESC-Klugscheißer Liste.
Am Samstag, 13.05.2023 ist es um 21 Uhr wieder so weit: Der größte Songwriter-Wettstreit der Welt findet in diesem Jahr in Liverpool statt. Wir sind aus ESC-Sicht schon lange an der „heißen Phase" vorbeigerutscht, denn auf dem Spielplan steht nur noch das Grand Final.
Und dazu kommen selbst die jungen und alten Leute aus den Löchern gekrochen, die sonst nichts mit ESC am Hut haben, um doch einmal reinzuklicken - wie 200 Millionen andere weltweit. Wer vielleicht eine kleine Platzierungswette unter Freunden starten oder einfach nur ein bisschen „kloogschietern" möchte, dem sei diese Liste ans Herz gelegt. Sie stellt gleichzeitig die Startreihenfolge des ESC-Abends dar. Viel Spaß.
1. Austria | Teya & Salena - Who The Hell Is Edgar? (Mittelfeld 11-20)
Poe, Poe, Poe, Poe - Nicht der lustigste Witz der Welt: „Wenn ist das Nunstuck git und Schlotermeyer? Ja!" Aber ähnlich tiefgründige Songtexte machen das Duo vielleicht reich - zumindest singen sie davon.
2. Portugal | Mimicat - Ai Coração (Bottom-End 21-25)
Verrückte Kleider, schnelle Beats auf Fado-Harmonien und portugiesische Gesangsprache. „Oh, Herz", könnte man sagen. Gut, dass es solche Nummern gibt - fürs Mittelfeld reicht es trotzdem nicht.
3. Switzerland | Remo Forrer - Watergun (Mittelfeld 11-20)
„Zeig uns deine Stimme" machte Remo Forrer auch in Deutschland bekannt. Und sonst? Balladige Euro-Ballade, gut choreographierte Parts, nette Stimme - also: Mainstream, langweilig, aber solide.
4. Poland | Blanka - Solo (Mittelfeld 11-20)
Yeah! Ju! Ro! Dänz! - Euro-Dance-Beat, es gibt dich noch. Und endlich mal mit einer nicht so perfekten Stimme. Man bekommt ja sonst auch Komplexe beim Zugucken und mag gar nicht mehr in der Dusche singen. Knapp am Bottom-End vorbeigeschrammt.
5. Serbia | Luke Black - Samo Mi Se Spava (Bottom-End 21-25)
Utza-Beat mit Synthi-Melodien, wie ein 8-Bit-Videospiel der 80er. Schräges Zeug. Irgendwie mag ich es. Aber ich zähl' ja nicht. Beim ESC wird es nichts.
6. France: La Zarra - Évidemment (Top-End 4-10)
Da passt schon viel zusammen. Sehr chansonlastige Stimme, die voll und wertig klingt und zum Song passt. Mit großem Theater zu Beginn, zwischenzeitlich und Euro-EDM-Anleihen zu anderen Zeiten.
7. Cyprus | Andrew Lambrou - Break A Broken Heart (Mittelfeld 11-20)
Stimme gut, aber so schmalzig wie die ganze Performance. Rasierte Brust, Kreuz-Ohrring und Schnurrbart. Damit geht es beim ESC nicht ins Bottom-End.
8. Spain: Blanca Paloma - Eaea (Top-End 4-10)
Die „Big Five" sind die Länder, die am meisten in den EBU-Topf einzahlen. Deshalb müssen sie sich nicht durch Halbfinals qualifizieren. Dazu kommt das Siegerland des Vorjahres sowie in diesem Jahr das Gastgeberland (da der ESC wegen des Krieges nicht in der Ukraine stattfinden kann, richtet Großbritannien ihn aus). Spanien ist ein „Big Five"-Land. Dies ist der einzige Song, der sehr weit von meinem Geschmack abweicht - bei mir wäre er im 20er-Bereich. Er wird aber mit seinen Ethno-Folk-Klängen hoch gehandelt. Da schließe ich mich dann einmal den Wettbüros an statt beim eigenen Gefühl zu bleiben.
9. Sweden | Loreen - Tattoo (Platz 1)
Loreens „Euphoria" (2012) gilt vielen als einer der besten Siegertitel überhaupt. Auch in diesem Jahr hat sie mit großem Abstand den Vorentscheid (Schweden hat wohl den aufwändigsten Vorentscheid aller ESC-Länder) für den ESC 2023 gewonnen. Nun tritt Loreen mit „Tattoo" an und wird wieder gewinnen. Beim ESC gilt: Hochgelobte fallen tief, denn der ESC-Algorithmus geht oft nicht auf. Trotzdem mein klares Votum: Schweden siegt 2023.
10. Albania | Albina & Familja Kelmendi - Duje (Platz 26)
Sängerin Albina bringt mit Ethno-Folk-Pop Songs über Tradition und Familie - die weiteren Mitmusiker sind gleich aus der Familie. Schönes Konzept. Aber einer muss ja die Rote Laterne bekommen.
11. Italy: Marco Mengoni - Due Vite (Top-End 4-10)
Der ESC steht auf italienische Schnulzen. Ein Mann, ein Mikro, ein bisschen 70er-Jahre-Battisti mit 80er-Jahre-Gianna-Nannini, kräftig geschüttelt. Ein bisschen zu kreischig, aber old school.
12. Estonia | Alika - Bridges (Bottom-End 21-25)
Grand Piano her, klassisches Kleid mit viel Ausschnitt, kein Schnickschnack (nur eine Ausdruckstänzerin), super für den Schulabschluss. Beim ESC nicht so.
13. Finland | Käärijä - Cha Cha Cha (Platz 2)
Auf der Brust fast Rammstein gepikert, die Bässe auch deutsche-härte-verdächtig. Ein viel zu lautes Synthi-Riff. Das ist gut. Mit eingemeißeltem Lächeln bringen die Tänzer die Wende im Song. Käärijä schafft mit „Cha Cha Cha" für Finnland den Spagat zwischen ESC und harten Klängen. Könnte der Überraschungssieger werden. Ich bleibe konservativ in der Einschätzung.
14. Czechia | Vesna - My Sister's Crown (Mittelfeld 11-20)
Sechs Frauen und Electro-Pop. Keine Lust mehr, darüber zu schreiben. Nicht mein Fall, aber sowas landet irgendwie immer im Mittelfeld. Klar, unfair von mir. Hinter jedem Land steht ein langer Auswahlprozess, meist sehr gute Musikerinnen und gute Produzenten. Das Spiel ist aber auch, dass man auf „nicht mein Fall" reduziert werden kann.
15. Australia | Voyager - Promise (Mittelfeld 11-20)
Die Australier sind ESC-verrückt. Deshalb (und weil sie sicherlich gutes Geld an die EBU [European Broadcasting Union] zahlen) sind sie mittlerweile vollwertige Mitglieder beim ESC. In diesem Jahr erstmals als Band. Progressiver Glam-Rock oder so. Beim Halbfinale bekamen sie den meisten Applaus.
16. Belgium | Gustaph - Because Of You (Mittelfeld 11-20)
Stimme wie Mick Hucknall (Simply Red), sieht aus wie Boy George und die Mukke klingt wie M-People. Pfff. Aber: sowas mag der ESC.
17. Armenia | Brunette - Future Lover (Mittelfeld 11-20)
Ziemlich gut arrangierte Ballade mit sehr guter Stimme und Spannung. Der Song geht dann in einen Sprachgesangteil über, ohne störend abzubrechen. Im diesjährigen Feld bleibt Brunette trotzdem im Mittelfeld.
18. Moldova | Pasha Parfeni - Soarele şi Luna (Bottom-End 21-25)
2012 war der Sänger bereits im ESC-Finale. Ethno-Pop mit Euro-EDM-Beats und Drops. Tja.
19. Ukraine: TVORCHI - Heart of Steel (Top-End 4-10)
Der Song klingt wie ein britischer Beitrag aus einem schlechten Jahr. Der Text ist passend, doch Song und Produktion sind nicht knackig. Trotzdem wird die Ukraine „Kriegspunkte" erhalten. Der Song wäre im unteren Mittelfeld untergegangen, doch die politische Aufmerksamkeit bringt eine hohe Platzierung. Ich hoffe sehr, dass dieser Song nicht gewinnt - das würde den ESC unglaubwürdig machen und schwächen. Im letzten Jahr war der Erfolg für die Ukraine ein positives Politikum, doch ein zweites Jahr mit einem unterdurchschnittlichen Song nützt niemandem.
20. Norway | Alessandra - Queen of Kings (Platz 3)
In „Queen of Kings" erzählt Alessandra von ihrer Bisexualität im konservativen Umfeld und den damit verbundenen Schwierigkeiten, ein freies Leben zu führen. Top-Thema im ESC, der seit jeher Stimme der LGBTQ-Community ist. Der Song ist nicht sonderlich einfallsreich, aber dynamisch arrangiert. Hat Anleihen vom Rock-Shanty. Dass er in der größten norwegischen Zeitung als „Techno-Hexenkessel" beschrieben wurde - na ja. Aber der Song startet beim ESC durch. Befreiend, energetisch, zum Mitschunkeln.
21. Germany: Lord of the Lost - Blood & Glitter (Mittelfeld 11-20)
Sie werden nicht das gläserne Mikrofon abräumen, aber im Mittelfeld mitkämpfen. So gescholten wie in Deutschland werden LOTL im übrigen Europa als guter Act gewürdigt. Wer mehr lesen möchte: https://www.dance-charts.de/2023030516059/esc-und-wacken-lord-of-the-lost
22. Lithuania | Monika Linkytė - Stay (Bottom-End 21-25)
2015 trat sie (als Duo) bereits beim ESC auf und kam auf den 18. Platz. Dieses Mal steht wohl eine „2" davor. Zu träge für Pop, zu schnell für eine Ballade. Aber hey: Alle, die im ESC-Finale auftreten, sind Gewinner - sie haben in einem langen Auswahlprozess ihr Land vertreten.
23. Israel | Noa Kirel - Unicorn (Top-End 4-10)
Die Sängerin setzte sich gegen 78 mögliche Teilnehmer durch. Das ist der Stoff, der beim ESC ganz weit vorne landet. Quer durch die Bandbreite des tanzbaren Chart-Pop geklaut, mit Euro-EDM-Beats angereichert, dazu ein paar Ethno-Klänge, damit es von überall Punkte gibt. Trotzdem irgendwie eigen, radiotauglich, Teenie-Disco-Floor-Filler.
24. Slovenia | Joker Out - Carpe Diem (Mittelfeld 11-20)
Schön handgemachter Rock-Pop mit dem besten Basslauf des ESC, echtem Schlagzeug und Marshall-Sound der Gitarren.
25. Croatia | Let 3 - Mama ŠČ! (Mittelfeld 11-20)
Mama hat sich einen Traktor gekauft. Da freut sich der Sänger, der das Kind von Marilyn Manson und Adolf Hitler zu sein scheint. Neben Raketen und weiteren Diktatoren auf der Bühne ist das so eine herrlich schräge Nummer, wie es sie nur beim ESC geben kann. Und sie wird erfolgreich sein. TOP 10 knapp verpasst, aber Mittelfeld.
26. United Kingdom: Mae Muller - I Wrote A Song (Top-End 4-10)
Starkes „Big Five"-Feld in diesem Jahr. Sogar die Briten hauen ein Brett raus. Aus.
Fazit: Der ESC findet im nächsten Jahr in Schweden statt, da Loreen knapp vor Finnland gewinnt. Deutschland erzielt einen Achtungserfolg mit einer Platzierung im Mittelfeld. Aus Finnland gibt es sogar 10 Punkte. … So könnte die kurze Zusammenfassung am Sonntag aussehen - oder eben ganz anders.