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187 Strassenbande, Kollegah, RAF Camora & Co.

Selbstexperiment: EDM-Fan hört erstmals Deutschrap

(Geschätzte Lesezeit: 5 - 9 Minuten)

Selbstexperiment: EDM-Fan hört erstmals DeutschrapDeutschrap vs. EDM.

Dance-Charts ist eine Plattform für News rund um die elektronische Tanzmusik. Jeden Tag unterhalten wir uns in der Redaktion über Tracks, Trends und alles rund um das Thema Musik. Dementsprechend stark sind wir auf unsere Szene fokussiert. Dazu gehört häufig eine große Gruppe von Gegnern des Deutschraps. Dieser findet momentan im kommerziellen Bereich statt wie nie zuvor. RAF Camora, Bonez MC oder die Gruppe 187 Strassenbande sind Namen, die neben Veteranen wie Kollegah oder Kontra K häufig von hohen Chartplätzen grüßen.

In diesem Selbstexperiment habe ich, Jonas (18), versucht, möglichst unvoreingenommen an das momentan so populäre Genre heranzutreten. Dabei wollte ich die Faszination für die häufig kritisierten Gruppen und deren Tracks verstehen.

Die Ausgangssituation

Ich bin Jonas, 18 Jahre alt und stehe wenige Tage vor meiner letzten Abiturprüfung. Bis dato haben mich mit großem Abstand EDM, Filmmusik und einige wenige Lieder aus den Stilrichtungen Pop und Rock interessiert. Rap war bisher für mich immer das einzige Genre, welches ich völlig ausschloss, wenn Leute mich fragten, welche Musik ich denn so hören würde. Doch warum eigentlich?

Wenn ich ganz ehrlich bin, liegen die Gründe wahrscheinlich mehr oder minder unterbewusst im Image der Szene. Gewalt, Kriminalität und Drogen – dieses Trikolon an Inhalten, das durch die von Kraftausdrücken übersäten Lyrics und dazu gehörigen Musikvideos verbreitet wird, passt gar nicht zu den Thematiken, mit welchen ich mich gerne in meiner Freizeit beschäftige. Zufälligerweise sitze ich hier aber gerade nicht mit einem Tomatensaft, einer Strickjacke über die Schultern gelegt und höre eine Beethoven-Platte. Den Eindruck, den ich bei anderen, aber vor allem bei mir selbst hinterlassen würde, wenn ich derartige Musik über meine Anlage laufen ließe, konnte ich nicht mit mir vereinbaren.

Am EDM wiederum fesselt mich die schier niemals endende Energie, wenn der Drop durch die Lautsprecher dröhnt und der Bass den Magen umdreht. Die Möglichkeit, aus einzelnen Tönen ein ganzes Lied zu erschaffen – völlig ohne den Bedarf an Vocals -, ist und bleibt ein Phänomen für mich.


Das Selbstexperiment

An einem Donnerstagabend setzte ich mich also an meinen PC und rief das Spotify-Profil der 187 Strassenbande auf. Diesem Namen begegnet man aktuell überall – unabhängig von Herkunft, Bildungsschicht, Alter oder Geschlecht.

Da ich dementsprechender Neuling auf dem Gebiet war, begann ich damit, mir die erfolgreichsten zehn bis zwanzig Songs eines jeden Künstlers anzuhören. Zuvor hatten mir lediglich Hits wie “Erfolg ist kein Glück“ von Kontra K, “Ohne Mein Team“ oder “Primo“ zugesagt. Anfangen bei “Millionär“, “Mit den Jungz“ über “Sitzheizung“ und “High Life“ lauschte ich den Texten und Beats der fünfköpfigen Gruppe. Nach diesem Exkurs stellte ich relativ zügig fest, dass mir der leicht „dümmliche“ Klang der Stimmen nicht liegt. Auch die Instrumentale konnten mich zu keinem Zeitpunkt catchen. “High Life“ enthielt einige innovative Elemente, die ich dem Produzenten positiv anrechnete.

Zu diesem Zeitpunkt war ich ehrlich gesagt etwas von der dominierenden Rap-Crew enttäuscht. Doch ich wollte noch nicht aufgeben. In meinem Freundeskreis erklärte sich ein Szenekenner netterweise dazu bereit, mir einige Künstler zu nennen (Grüße gehen raus an Timo). Doch auch meine Freundin ist bekennende Anhängerin der 187 Strassenbande und klärte mich über die Zusammensetzung bestehend aus Gzuz, Maxwell etc. auf.

Mein nächster Halt hieß Gzuz. Überrascht musste ich feststellen, dass mir seine Solo-Karriere deutlich mehr zusagte, als ich es bei 187 heraushören konnte. “Knöcheltief“ und “Drück Drück“ seien an dieser Stelle erwähnt, wobei ersteres mit einem unangenehmen „Dröhnbass“ im Bereich 80-110 Hertz produziert worden war, was unter (guten) Kopfhörern durchaus anstrengend wurde.

Weiter ging es mit Capital Bra, der durch seinen Dancehall-Touch meinem Geschmack schon näher kam. “5 Songs in einer Nacht“, “Olé Olé“ waren dabei hörenswert, “Nur noch Gucci“ war hingegen genau die Art von „Gangster-Rap“ (Entschuldigung an alle Rap-Experten, denen ich gerade Unrecht tue), welche ich als anstrengend einstufte. Bei “Es geht ums Geschäft“ wurde deutlich, dass vor im Rap-Genre ebenfalls starke Instrumentale entstehen können, die für den Mainstream-Hörer wohl meist nur Beigeschmack sind.

Luciano konnte ich bis zum Schluss nicht richtig einordnen. Ich war mir nicht sicher, ob seine Stimme dem „Dümmlichkeits-Aspekt“ entspricht, den ich bereits bei 187 bemäkelte. “Jäger“ sowie “Hawaii“ gehörten zu den Werken, welche ich am entspanntesten fand und mir insgesamt am besten gefielen. Zu diesem Zeitpunkt wurde das simple Konzept des modernen Raps klar: Auto-Tune-Vocals mit basshaltigen Breakbeat-Instrumentalen.

Nächste Gruppe im Programm: Die Gullideckelbande aka AK Ausserkontrolle. “Jim Beam & Vodi“ kannte ich bereits und versetzte mich mit Augenmerk auf die Vocals in einen konstanten Zustand zwischen Kopfschütteln und bemitleidendem Lachen. Der Frontrapper brannte sich durch sein penetrantes und aggressives Rufen („singen“ möchte ich es an dieser Stelle nicht nennen) in meine Festplatte ein und sorgte dafür, dass ich bereits nach drei Titeln das Konzept von AK Ausserkontrolle verstanden hatte – und möglichst schnell hinter mir lassen wollte.

Momentan in aller Munde: Kollegah. Dem „Boss“ wird des Öfteren eine (vergleichsweise) große Intelligenz zugesprochen. An dieser Stelle muss sogar ich als Nicht-Raphörer bestätigen, dass Doubletime sehr beeindruckend wirken kann – schade nur, wenn sich der Inhalt trotzdem nur bedingt von minderqualizierten Szene-Kollegen unterscheidet.

Azets Flow überraschte mich positiv. Sowohl produktionstechnisch als auch in Bezug auf die generelle Atmosphäre kann ich den Tracks des Rappers nur wenig vorwerfen. Tatsächlich gefielen mir häufig die statistisch erfolgreichsten Songs am besten. So auch in diesem Fall. “Qa bone“ oder bspw. “Zigarren Havanna“ wirkten hörenswert auf mich.

Letztlich blieb noch ein Mann, den ich sogar relativ gut kannte. Es geht um RAF Camora. Keiner kam in Deutschland um Hits wie “Ohne Mein Team“ oder “Primo“ umher. Beiden liegen sehr starke Instrumentale zu Grunde, die sich sogar in meiner persönlichen Spotify-Hauptplaylist befinden. Auch als DJ gehören diese beiden Lieder definitiv zu meinen favorisierten Chart-Tracks. Letzte Woche konnte ich mich sogar tatsächlich beim Summen der “Ohne Mein Team“-Melodie erwischen – meine Freundin wäre stolz auf mich. “Gotham City“ sowie “Waffen“ waren ebenfalls akzeptabel.


Meine Probleme mit dem Rap

Nach dieser längeren Beschäftigung mit der Musik des Sprechgesangs habe ich gemischte Gefühle. Auf der einen Seite tobt in mir die Verabscheuung des klassischen Bilds der Szene, auf der anderen muss ich dem Rap in gewisser Art und Weise auch meine Anerkennung aussprechen. Leider überwiegt ersteres jedoch.

Nach wie vor ist es für mich ein Paradoxon, wieso ich mich von gewaltverherrlichenden, „asozialen“ und „dümmlichen“ Texten durch den Tag begleiten lassen sollte. Bei letzterem ist gar nicht mal nur die Rede von Konsorten wie Celo & Abdi, sondern besonders von AK Ausserkontrolle und 187. Diese fielen mir immer wieder durch unnachvollziehbare Pöbeleien gegenüber der Polizei, anderen Bürgern oder einer generell oft als „Hurensöhne“ adressierten Gruppe negativ auf. Ich kann nicht verstehen, wie sehr man sich in einen konstanten Zustand der Aggression versetzen kann und scheinbar alles nur mit Kraftausdrücken beschreiben kann. Das, was mir oft bezüglich des Raps mitgeteilt wurde, entsprach in fast keinem der Fälle meinen Erfahrungen. Weder die Eloquenz eines Kollegahs noch der unfassbare Flow eines Rappers X/Y fesselten mich zu irgendeinem Zeitpunkt.

Eine zentrale Frage stellt sich für mich: Versteht die Zielgruppe überhaupt, was die Person zu einem Zeitpunkt von sich gibt, und was dies in einem größeren Kontext für Vorwürfe mit sich zieht? Ich möchte mich nicht mit derartigen Aussagen identifizieren. Obwohl ich gewiss kein Feminist bin, stach mir besonders oft die Objektifizierung des weiblichen Geschlechts ins Auge. Wenn sie nicht nur zum Geschlechtsverkehr geeignet waren, dann sind es meist „Fotzen“. Besorgniserregend finde ich diese Message insbesondere in Blick auf die heranwachsende Zuhörerschaft, zu der ich zum Zeitpunkt des Experiments eigentlich auch angehörte.

Stichwort Zuhörerschaft: Zwar äußerte ich bereits zu Beginn des Artikels, dass der Konsum derartiger Musik größtenteils unabhängig von Alter, Herkunft etc. stattfindet, doch dies so auch nicht ganz richtig. Besonders häufig sind z.B. Fans der 187 Strassenbande in sogenannten geringgebildeten Milieus vorzufinden. Das heißt nicht, dass jeder Hauptschüler sich mit der Gruppe identifiziert, doch der Zusammenhang ist unbestreitbar. Bedeutet das also, dass jeder Rap-Hörer dumm ist? Nein, gewiss nicht. Sogar in Akademikerkreisen hat das populäre Genre Wurzeln geschlagen.


Doch warum hört man Rap?

Einige werden vermutlich einfach die Musik oder Szene interessant finden. Andere können sich mit den Texten identifizieren, doch aus wissenschaftlicher Sicht liegt dem ein gewisser Rebellionsgedanke zu Grunde. Zu jeder Zeit stand der Jugend ein Medium zur Verfügung, um seine Andersartigkeit zu unterstreichen. Provokation ist das Stichwort. Dieser Artikel oder bspw. der Skandal bei der ECHO-Verleihung beweist, dass wir, die Medien, den Betroffenen so Aufmerksamkeit schenken. Ob nun wirklich jeder Genre-Liebhaber demnächst einen Polizisten abstechen oder die nächste Bank ausrauben wird, sei mal dahingestellt. Die Musik dient als Mittel zum Zweck.

Fazit: Nach Stunden voller Rap und mittlerweile 1419 Wörtern habe ich mich der Musik ein wenig öffnen können. Zwar begegne ich den vermittelten Werten noch immer mit großer Skepsis, aber der treibende Charakter gepaart mit den oben genannten Erkenntnissen erschuf bei mir ein größeres Verständnis für die Szene. Das entschuldigt meiner Ansicht nach zwar keine antisemitischen Äußerungen, zeigt uns jedoch, dass hinter großem Kopfschütteln oft nur ein Generationenkonflikt lauert, der insbesondere durch generelle Geschmacksdifferenzen unterstrichen wird. Abschließend kann ich sagen, dass jeder seinen Genres folgen sollte, wie auch immer er es für richtig hält. Diese Heimat liegt für mich nach wie vor klar beim EDM. Wenn zukünftig eine Fahrt im Auto mit einigen Freunden anstehen sollte, werde ich wohl nicht lauthals mitgrölen, wenn Kollegahs Stimme im durch die Boxen ertönt, aber mich dem Vibe des Instrumentals durchaus hingeben können. Nichtsdestoweniger würde ich mich über sinnvollere Lyrics freuen. Dass dies möglich ist, beweist Kontra K.

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Über den Autor
Jonas Vieten

Ich bin Jonas Vieten und seit Oktober 2017 Teil der Redaktion. Bereits als Leser habe ich mich täglich auf neue Artikel und News rund um EDM gefreut. Nun auf der Seite der Verfasser sein zu dürfen, macht mich sehr froh. Ich hoffe, eines Tages im Musik-Business – bevorzugt als DJ – arbeiten zu können. Neben Bigroom-Feuerwerk oder chilligen Future-House-Beats können Film-Soundtracks mich ebenfalls begeistern.

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