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Thursday, 08. December 2016

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20
Okt
2016

Aluhüte aufgepasst!

DJ-Mag-Wahl 2016: Wählst du noch oder kaufst du schon?

Jüngst erblickte das diesjährige DJ-Mag-Top-100-Ranking das Licht der Welt. Noch keine 24 Stunden alt sieht sich der allseits beliebte alljährliche Popularitätswettbewerb der musikschaffenden Zunft unseres Planeten (wie inzwischen üblich) bösartigsten Anfeindungen auf PEGIDA-Niveau ausgesetzt. Bereits Sekunden nach der Bekanntgabe des diesjährigen Siegers Martin Garrix kamen die ersten Verschwörungstheorien auf, wer es wohl auf welche Weise in das Ranking geschafft haben möge. Ist Hardwell ein Reptiloide aus der Hohlwelt? Sind die Illuminaten an Martin Garrix' Sieg schuld? Und wie passt das mit der Chemtrails-Verschwörung und der geheimen Mondbasis auf der erdabgewandten Seite unseres Trabanten zusammen? Oder sind wir hier gerade dem wahren Hintergrund des Kennedy-Mordes auf der Spur? Fragen über Fragen! Ein Fall für Dance-Charts Mystery! War das nur ein Keks in der Dunkelheit oder haben wir es hier mit einem schattigen Plätzchen zu tun? Unser Investigativteam ist der Legende auf der Spur!


Illuminaten-Verschwörung und andere Scherze

Jahr für Jahr sieht sich das Beliebtheitsranking des DJ Mag dem Vorwurf ausgesetzt, getürkt, gefälscht und manipuliert worden zu sein. Nur Minuten nach der Verkündung des Resultats der diesjährigen Wahl, aus der ein über beide Backen strahlender, honigkuchenpferdiger Martin Garrix als Sieger hervorging, überschlugen sich bereits die Tweets und Posts der Verschwörungstheoretiker in den sozialen Medien.

Besonders 3lau und Dyro scheint es das Aluhuttum angetan zu haben. Letzterer ließ seinem Unmut über seine Platzierung auf Rang 93 und sein Abrutschen um ganze 66 (!) Plätze freien Lauf, sprach aber zugleich auch einen wunden Punkt des diesjährigen Rankings an, die absurd schlampige Social-Media-Arbeit der Verantwortlichen des DJ Mag. Diverse Fauxpas unterliefen dem Twitter-Team in diesem Jahr; letzten Endes brachte es das Social-Media-Team sogar fertig, den Bassjackers das Bild der weitaus weiter hinten platzierten Blasterjaxx zuzuordnen.

Auch dürfte der gute alte Angerfist nicht unbedingt einverstanden gewesen sein, als er auf Twitter zum höchstplatzierten House-DJ erkoren wurde – niemand produziert chilligere Musik als Angerfist, denn wer würde nicht am liebsten bei 200 BPM Hintergrunddröhnung in der Hängematte liegen und genussvoll seine Piña Colada schlürfen? Und obwohl Dyros Facebook-Post den faden Beigeschmack eines schlechten Verlierers hat, dessen Gagen bald in Richtung Fegefeuer absinken dürften, so trägt seine Äußerung doch einen wahren Kern in sich und wir alle fragen uns: Wie ernst sollten wir dieses Ranking überhaupt noch nehmen?

 

Eventuell so bitterernst wie es uns 3lau vorschlägt? Der US-amerikanische Produzent und DJ präsentierte nur Minuten nach dem Ende der Präsentation, aus der er selbst ohne Platzierung hervorging – Nur Zufall oder doch die Illuminati? – eine Verschwörungstheorie allererster Güte. Er postete ein Bild, in dem zwar durchaus einige Wahrheiten steckten, jedoch darf so einiges an Behauptungen in dem dort präsentierten Text getrost angezweifelt werden: Demnach richte sich das Top-100-Ranking des DJ Mag vorrangig an den asiatischen Markt, innerhalb dessen sich die Gagen der DJs hauptsächlich nach deren Platzierung in der Rangliste bemessen.

So weit so gut, jetzt wird es absurd: Das DJ Mag wolle daraus massiv Kapital schlagen und biete den DJs für jährliche Zahlungen von Zehntausenden Dollars eine dauerhaft hohe Platzierung an, um ihre Gagen um ein Vielfaches dieser Summe zu erhöhen. Das mag ja auf den ersten Blick recht einleuchtend erscheinen, doch wie jede Verschwörungstheorie fehlt es auch dieser an der Logik: Das DJ Mag beschäftigt jährlich hunderte Mitarbeiter, um das Ranking sauber zu halten und die Stimmen so weit wie möglich zu überprüfen.

Ein recht ausgeklügeltes System soll Doppelstimmen verhindern und jede nicht sofort zuordenbare Stimme wird von Angestellten überprüft – wie sonst würden alle potentiellen Schreibfehler des Namens „Martin Garrix“ (und es gibt eine Menge Möglichkeiten, den Namen des jungen Herrn falsch zu notieren) dann letzten Endes dem Niederländer zufließen. An der Wahl sind mit großer Sicherheit mindestens 100 Personen mehr oder minder beteiligt.

Das ist eine recht große Gruppe, deren Schweigen im Falle einer tatsächlichen „Verschwörung“ wohl nur schwer zu gewährleisten, in jedem Falle aber weitaus mehr als nur die von 3lau veranschlagten fünfstelligen Beträge wert wäre – salopp gesagt: Irgendjemand singt im Suff sicher! Allerdings wurde bislang noch nichts bekannt von einem solchen Edward Snowden der EDM-Szene. Unwahrscheinlich erscheint auch, dass das jemals passieren wird, denn, und das schreiben wir uns jetzt allesamt hinter die Ohren: Es gab keine Verschwörung des DJ Mag zur Manipulation ihres Top-100-Rankings und wird auch nie eine geben! Weshalb wir uns so sicher sind? Nunja, das DJ Mag krankt ohnehin an geringen Auflagen und hält sich durch das jährlicher Ranking noch halbwegs über Wasser. Was wäre nun, wenn, wie stets behauptet, tatsächlich manipuliert würde?

Der Ruf des Magazins wäre ruiniert wie einst der des Stern nach der Publizierung der vermeintlichen Hitler-Tagebücher. „Ist der Ruf ers ruiniert, lebt sich's geänzlich ungeniert“, könnte man da einwenden, doch das zählt im knallharten journalistischen Business nicht, befinden wir uns doch in ebenjener Zeit, da die Aluhüte, sonstigen Verschwörungstheoretiker, PEGIDisten, ANTIFAnten und sonstigen radikalen Gruppierungen bei jeder sich bietenden und nicht bietenden Gelegenheit den Vorwurf der „LÜGENPRESSE!!!!!!!11einself!!“ postulieren. Kurz gefasst: Das DJ Mag zu bezichtigen, seine Wahl zu fälschen, hat in etwa so viel Substanz wie die Behauptung, Angela Merkel habe die Flüchtlingskrise losgetreten und Deutschland sei formell noch immer ein Kaiserreich.

Eine weitere, sehr amüsante Reaktion auf das Voting lieferte Dillon Francis, der sich nicht zuletzt im vergangenen Jahr zum Scherzkeks der Szene gemausert hat. Dieses Video kommt der Wahrheit schon weitaus näher als das, was Dyro und 3lau von sich gaben. Er stellte den Sinn der ganzen Liste infrage. Tatsächlich ist kaum zu verstehen, was das Ranking denn nun aussagen soll. Mit Verweis auf die Platzierung von Daft Punk auf Platz 72 ist es tatsächlich fraglich, inwieweit die Liste gute Produzenten belohnt, stehen die Franzosen doch derzeit mit „Starboy“ gemeinsam mit dem Superstar „The Weeknd“ in den Startlöchern, einen der ganz großen Hits des Jahres zu landen.

Popularität und Performance kommen also auch kurz, spätestens, wenn man sich die Platzierungen gewisser DJs ansieht, von denen unsere Redaktion bis vor Kurzem noch nie etwas gehört hat. Alok, mit Abstrichen Shogun und insbesondere ein gewisser „DJ Chetas“ seien da zu nennen. Billige Wortspiel zu den angeblichen Betrügereien desselben ersparen wir Euch... Diese Namen sind allerdings leicht erklärt: Alok stammt aus Brasilien, einem musikaffinen Land mit derzeit über 200 Millionen Einwohnern, deren Stimmen sich auf einige wenige Landsleute und ein paar Superstars wie David Guetta, Hardwell und Calvin Harris verteilen.

Mit Shogun ist es dasselbe in Japan (das Land, das auch einen gewissen Justin-Bieber-Verschnitt namens KSUKE hervorbrachte) und der chetande DJ (Einer musste sein.) stammt aus dem Subkontinent Indien und darf eine Facebook-Seite mit über zwei Millionen Likes sein Eigen nennen – mit 1,3 Milliarden Landsleuten im Rücken ist ein Platz 33 leicht erklärt.

Wie erklären sich nun die harten Abstürze von DJs wie Dyro, Dannic oder gar Showtek, die es nur noch knapp in das Ranking schafften? Nunja, Dyro war das ganze Jahr über recht untätig und Dannics grooviger Bigroom-Sound ist trotz Labeleröffnung doch noch immer recht gewöhnungsbedürftig. Beide werden von der Managementagentur Urban Rebel gemanaget, die –  mit Verlaub gesagt – ein rechter Hühnerhaufen ist, wie wir selbst schon öfters zu spüren bekamen. Beide haben schlicht und einfach nicht genug geleistet, um ihre guten Platzierungen des Vorjahres zu halten und somit stehen für Dyro ganze 66 Plätze Unterschied zu Buche, während Dannic um 44 absank.

Mindestens so hart traf es die Jungs von Showtek, die um 59 Plätze auf Rang 96 absanken und im nächsten Jahr wohl um eine Platzierung in den Top 100 bangen dürfen – vergleichbar mit dem aktuellen Bangen des FC Schalke 04 um den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga. Bei Showtek lässt sich dieser rapide Misskredit wohl damit erklären, dass über das Jahr hinweg kaum Releases der beiden Niederländer kamen, die sich von der Masse abhoben. Einzig „Mellow“ mit Technoboy 'N' Tuneboy und „Believer“ mit Major Lazer können da punkten – und das außerordentlich.

Allerdings dürften beide Releases, mindestens aber „Believer“, zu spät gekommen sein, um noch große Aufmerksamkeit für das Voting einzuheimsen. Insgesamt sehen wir bei genauerer Betrachtung des Rankings, dass sich Bigroom stark im Rückgang befindet und nur die Acts mit großen Fanbases wie Hardwell oder W&W noch hohe Platzierungen halten können. Sogar die Blasterjaxx sanken um 27 Plätze auf Rang 43 stark ab. Dagegen hieß es für die zuletzt nicht vertretenen Chainsmokers nach einem starken Jahr mit drei weltweiten Mega-Hits verdientermaßen: Platz 18! Was wir allerdings nicht verstehen... Wie genau passt KSHMRs Set nach der Verleihung mit seiner Auszeichnung als „Highest Live Act“ zusammen? High vielleicht, aber Live-Act trifft es angesichts der zu 100% zuvor aufgenommenen KSHMR-Sets wohl kaum. Weil es so schön war, haben wir Euch dennoch ein Video seines Auftritts eingebunden.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die DJ Mag Top 100 DJs in diesem Jahr umstritten wie nie sind, und das obwohl mit Martin Garrix ein verständlicher und teils auch verdienter Gewinner auf dem Siegertreppchen steht, nachdem sich das Voting mit den Vorjahressiegern Dimitri Vegas & Like Mike nicht so recht mit Ruhm zu bekleckern wusste. Nüchtern betrachtet erfüllt diese Liste maximal den Zweck eines weltweiten Popularitätsrankings der DJ-Szene, gibt aber auf die Qualität der vertretenen Acts keinen Aufschluss. Letzten Endes wird keine Suppe so heiß gegessen wie sie gekocht wird und so verhält es sich auch mit dieser Liste: Sie bietet jedes Jahr eine willkommene Ablenkung und ist immer wieder ganz nett anzusehen, einen großen Wert hat sie für den einfachen Betrachter allerdings nicht.

Klar: Sie legt die Gagen der vertretenen DJs fest und bei Dannic und Dyro dürfte in der heutigen Krisensitzung des Managements mit Sicherheit eine Halbierung der künftigen Gagen-Forderungen der beiden Niederländer beschlossen worden sein, doch letzten Endes müssen niedrig platzierte Legenden wie Carl Cox, Laidback Luke oder Paul Van Dyk inzwischen niemandem mehr etwas beweisen. Jeder andere Ansatz kann eigentlich kaum rationaler Natur sein und gerät schnell in den Bereich des Aluhuttums, aber von denen gibt es in Zeiten mordender Reichsbürger, des Kopp-Verlags, von Russia Today und eines Donald Trumps ohnehin mehr als genug!

DJ Mag 2016 Kommentar

 



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