"Dreamer" von Martin Garrix feat. Mike Yung.
Nach der Festival-Saison setzen sich jetzt viele Produzenten daran, gemütlichere Songs zu produzieren, die auch radiotauglich sind. Martin Garrix fährt seit nun gut zwei Jahren die Schiene, Club- und Radio-Tracks (mehr oder weniger) abwechselnd zu releasen. Heute folgte “Dreamer“ mit Mike Yung. Dass sich der junge Niederländer mit dieser Nummer sehr weit aus dem Fenster lehnt, könnt ihr den folgenden Zeilen detailliert entnehmen.
Martin Garrix ist das Gesicht der Dance-Industrie. Nach “Animals“ im Jahr 2013 hatte der 22-Jährige 2016 seinen zweiten, großen Durchbruch. Damals wagte man sich mit “In The Name of Love“ feat. Bebe Rexha in ganz neues Terrain. Die Fans nahmen es dem DJ jedoch nicht übel, da die Single auf der einen Seite überzeugte und auf der anderen Seite weiterhin EDM-Scheiben veröffentlicht wurden.
Kommerziell ging es danach eher bergab. Die Lieder wurden immer weicher, deren Erfolge immer geringer. “Ocean“ überholte kürzlich dann doch noch seine Ballade “So Far Away“, die musikalisch auf allerhöchstem Niveau stattfand. Unsere Kritik zu ersterem viel negativ aus. Das ist es auch bei “Dreamer“ der Fall.
Fast schon romantisch werden wir von warmen Synths empfangen, die in Verbindung mit den anderen Instrumental-Elementen durchaus dem Weichspüler Zedd hätten entspringen können. Jedes Detail wurde bis zum Ende ausgearbeitet und so lange abgefeilt, bis es auch dem letzten Radio-Zuhörer kein Dorn mehr im Auge (oder Ohr) sein konnte.
Den Sänger traf Martin Garrix übrigens zufällig im Netz als Straßenkünstler in der New Yorker U-Bahn. Mike Yung war bisher eher unauffällig, kann jedoch auf drei mäßig erfolgreiche Releases mit jeweils 500.000-750.000 Plays auf Spotify zurückblicken. Er freue sich daher insbesondere, durch den Teenie-Star eine Karriere-Möglichkeit im Alter von 60 Jahren zu erhalten. Seine kräftige Stimme kommt leider nicht vollends zur Geltung, stellt jedoch einen erfrischenden Kontrast zu Garrix‘ bisherigen Tracks dar. Fraglich ist an dieser Stelle bereits, ob unbedingt ein Martin Garrix eine solche Nummer veröffentlichen muss. Die Antwort liegt auf der Hand.
Insgesamt ist das Lied unter die Redewendung „gewollt, aber nicht gekonnt“ zu subsumieren. Der Gospel-Charakter entfaltet sein Potenzial äußerst begrenzt; die Melodie beschränkt sich auf eine Notenfolge, die man bereits zu oft gehört hat.
Fazit: Martin Garrix tut mit “Dreamer“ weder seinen Fans noch sich selbst einen Gefallen. Die Single ist eine reine Radio-Produktion, der es an Ohrwurm-Charakter sowie Einzigartigkeit mangelt. Im Gegensatz zu seinen bisherigen kommerziellen Scheiben weist “Dreamer“ nicht den Hauch einer Handschrift der kürzlich gekürten DJ-Mag-Nummer-eins auf. Da sich die allgemeine Mainstream-Zuhörerschaft Kants Grundsatz „sapere aude“ prinzipiell in puncto Präferenzausbildung eher nicht bedient, rechnen wir der Gospel-Ballade dennoch gute Chancen auf eine Chart-Platzierung im oberen Mittelfeld aus.