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Die Entwertung der Musik

DJ-Kultur am Rande der Überlastung - Die EDM-Inflation

(Geschätzte Lesezeit: 4 - 8 Minuten)

Die EDM-InflationDie EDM-Inflation

Als musikalisches Massenphänomen erfreut sich die EDM aktuell großer Beliebtheit. Diese reicht über den ganzen Globus hinweg. Wie bei jedem „Trend“ fürchten die meisten, ihn zu verpassen. Diese Urangst führte zu einer gänzlichen Übersättigung des DJ-Marktes, einer wöchentlichen Überdosis an Song-Releases und dem Verlust des identitätsschaffenden Kerngeschäfts. Wir berichten, worüber die Inflation der 1920er-Jahre nur lachen kann: Die EDM-Inflation.


1.) Die DJ-Kultur am Rande der Überlastung

Einst sagte der Realsatiriker Bernd Höcke, Mitglied der Spaßpartei Alternative fürs Denken: „Die elektronische Tanzmusik muss ihre Männlichkeit wiederentdecken.“ – oder so ähnlich. Damit traf er allerdings den Nagel auf den Kopf. Die Szene muss sich von dem lossagen, das sie zurzeit belastet. Doch drehen wir die Zeit erst einmal zurück, um festzustellen, wie es „früher“ war.

Der Boom der EDM wie wir sie heute kennen fand zwischen 2011 und 2013 statt. Dauerbrenner wie “Levels“, “Animals“, “Tsunami“, “Don’t You Worry Child“ und viele weitere finden ihren Ursprung in dieser Periode. Die Festivalindustrie entwickelte sich zu einem noch profitableren Business, welches den Deutschen hierzulande in der Hauptsaison circa jedes zweite Wochenende ein Event präsentiert, auf dem man sein Geld loswerden kann. Im Radio charteten ohnehin Tracks mit großem elektronischen Einfluss oder komplette DAW-Produktionen. Wo einem heute ein „Bratan“ begegnet, grüßte früher eine “Hangover“ oder “Timber“. Der Nährboden für eine rosige EDM-Zukunft war praktisch gesät. Die Massentauglichkeit hatte zur Folge, dass sich kreative Köpfe unter dem Publikum fragten, wie genau eigentlich so eine Live-Performance von einem Avicii aussehe, da er ja schließlich kein Instrument direkt spielt. Die Faszination für die DJ-Kultur erlebte ein bis dato unerreichtes Hoch, welches bis heute anhält. Nie gab es so viele DJs wie aktuell. Wer ein wenig Talent mitbringt, der kann zügig die Grundlagen des Auflegens erlernen, womit sich 95% der Tomorrowland-Mainstage-Sets spielen lassen und das ist schließlich das Ziel für die meisten Strebenden.

Probleme zeigt ein Prinzip der Marktwirtschaft auf: Angebot und Nachfrage. Ersteres übersteigt derweil jegliche Nachfrage. Die begrenzte Kapazität an Slots in Clubs und auf Festivals wuchs nicht äquivalent mit den etlichen Artists, die sich gründeten. Diejenigen, welche schon seit Jahren im Business waren, mussten plötzlich um ihre Plätze bangen. Wo früher noch in den angesagtesten Clubs die besten DJs auflegten, bekommt heute der DJ mit dem aktuellen Hit (genaugenommen dann auch Produzent) oder dieser mit der größten Reichweite auf Social-Media die Playtime zur Peaktime. Und die Gäste? Die feiern es. Liebhaber anderer Genres wollen auch Coldplay, David Garret oder ehemals Linkin Park live erleben. Ein Martin Garrix spielt im Jahr nicht nur mehr Shows, sondern verdient auch pro Gig womöglich das Zehnfache eines A-Traks. Jener erarbeitete sich seine Position – wenn auch rasch – durch konstant hohe musikalische Qualität.

Der Trieb, Großes schaffen und erreichen zu wollen, ist menschlich. Dem Nachwuchs kann man es freilich wohl kaum übel nehmen, ihrem Traum nachgehen zu wollen. Doch nicht nur die Frage des Weges, sondern auch die des Ziels stellt sich. Warum möchte ich zu den Stars zählen? Ist es die Bühne, um der Welt meine Kreationen / Visionen offenbaren zu können? Ist es mein innerster Traum? Oder ist es vielleicht doch eher das Geld und die Aufmerksamkeit? Das eingangs als „Trend“ umschriebene Phänomen des „auch-Mal-Machens“ und „dabei-sein-Wollens“ erwies sich im Laufe der Zeit als Hype, der Wettbewerber mit sich bringt, die sich ihren Pfad über Geld, soziale Netzwerke, Merchandising o.ä. ebnen, wobei diese nicht Mittel zum eigentlichen Zweck sind; vielmehr als Steigbügel für die eigene (nicht musikalische) Popularität fungieren.

2. Die Entwertung der Musik

Eine Inflation führt zwangsweise zur Wertminderung einer Einheit, zumeist der Währung. Für einen Musiker sind seine einzelnen Werke seine Währung. Sie lassen sich nicht nur in unser Geld umwandeln, sondern stellen das kreative Resultat einer Schaffensperiode dar. Wie Computer in Einsen und Nullen kommunizieren, so tun Produzenten das über ihre Musik. Gemein ist beiden, dass am Ende gar nichts geschieht, wenn der Empfänger die Übermittlung nicht verwerten kann. Doch was, wenn eine schiere Flut an Übermittlungen ausgesandt wird? Der Computer ist überfordert und schaltet ab. Der menschliche Rezipient der Musik sieht sich einer Reizüberflutung gegenüber: „Höre mich!“, „Nein, mich!“ Ein einzelnes Lied droht in der Masse an wöchentlichen Veröffentlichungen unterzugehen. Gäbe es im Louvre nicht 554.000 Kunstwerke, sondern 554.000.000; fiele Jan Vermeers Gemälde „Der Astronom“ dann noch weiter auf – angenommen, sein Ruf würde ihm nicht vorauseilen? Vermutlich nicht.

So geht es nicht nur Vermeer in unserem fiktiven Beispiel, sondern Millionen von Produzenten weltweit. Wo auf der einen Seite Spotify und Co gänzlich neue Möglichkeiten bieten, da tritt die neue Scheibe “Party Pop Anthem“ von Omelett Ozcan nun gegen ein Vielfaches an Konkurrenten an. Die Würdigung von Ozcans Arbeit findet in einem geringeren Maße – falls überhaupt – statt. Angenommen, 0,1% aller Veröffentlichungen hätten absolutes Hitpotential. Dann bestünde unter diesem winzigen Anteil noch immer ein so großer Wettbewerb, dass lediglich 1% der 0,1%, tatsächlich die Bühne geboten werden würde. Der Rest versänke und versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Spinnen wir das Szenario weiter. Glücklicherweise hat es Ozcan mit “Party Pop Anthem“ in diese 1% der 0,1% geschafft. Sein Song generiert auf Spotify 100 Mio. Plays. Nach zwei Monaten ist Schluss. “Party Pop Anthem“ geht den meisten schon allmählich auf die Nerven.

Omelett Ozcan hat seine erfolgreiche Single selbst vermarktet, für einen hier zu vernachlässigenden Betrag auf Spotify „hochgeladen“ und kein Label an seiner Seite. Er erhält 280.000 Euro für 100. Mio Streams (Wert ist annähernd realistisch). Mit diesem Geld kann er für einige Jahre gut leben. Jetzt ist es an ihm, den nächsten Hit zu schrauben.

„280.000 Euro brutto? Das hört sich doch gar nicht so schlecht an!“, wird der ein oder andere jetzt denken. Vernachlässigt werden dabei allerdings die Abgaben an Label usw., die nicht selten bei circa 75% oder höher liegen. Um jetzt wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren, muss man sich vor Augen halten, wie viele Personen sich praktisch für niemanden außer sich selbst an die DAW setzen. Wer 2.000 Plays auf Spotify erreicht, der darf mit dem erwirtschafteten Betrag Investitionen in Höhe eines Brauselutschers anstreben.

Zeiten, in denen Alben nicht mehr als eine Spotify-Playlist sind, kommerzialisieren Musik als Kunstform in nie dagewesener Weise. „New Music Friday Germany“ ist mit Tinder zu vergleichen. Viele dicke Fische sind mit dabei, ab und zu verirrt sich ein kleinerer in das Netz. Innerhalb einer Woche ist dann mit circa 60.000 Plays zu rechnen. Sieben Tage später werden die nächsten Lieder als Massenware angeboten. Welcher von diesen erfolgreich wird, entscheidet nicht zuletzt der allmächtige „Spotify-Gott“. Gemeint ist der komplexe Algorithmus, mit Hilfe dessen das ehemalige Start-Up intransparent filtert, welche Songs das Potential zum Hit haben könnten.

Die Existenz dieses Algorithmus veränderte die Art, wie Musik produziert wird. Das Thema des Tracks direkt zu Beginn, nicht länger als 3 Minuten Länge und am besten Vocals. Das sind die Zutaten, ohne welche nichts läuft. Jüngst zeigte Dynoro mit seinem Bootleg-Mashup “In My Mind“ wie schnell man von diesem System profitieren kann. Insbesondere die breite Schicht der kleinen Produzenten (noch über den Kleinstproduzenten) muss nach jedem Release beten, dass ein Kurator oder der „Spotify-Gott“ das gewisse Etwas in der Single entdeckt und sie „ein Level höher“ setzt. Gemeint ist damit, dass man in einen Rang aufsteigt, der es wahrscheinlicher macht, gehört zu werden („Dein Mix der Woche“ usw.).

Der Sommerhit existiert nur noch auf dem Papier. Neben der oben genannten “In My Mind“ war auch “Bella Ciao“ mit von der Partie. Und was ist eigentlich mit “Body“ oder “One Kiss?“ Wir verdrängen von uns gemochte Titel, um Platz für Neues, noch „Besseres“ zu schaffen. Wir schreiben Liedern nur noch eine kurze Lebensdauer zu. Unsere Aufmerksamkeitsspanne sinkt rapide, sodass den meisten Titeln gar nicht die Chance gegeben wird, sich einzubrennen oder gar Begleiter in einem besonderen Lebensabschnitt zu sein. Nicht ohne Grund stammen die meisten Partyhits wie “Highway To Hell“, “Born To Be Wild“ oder “Insomnia“ aus einer Zeit vor der 2000er-Generation.

Fazit: Die EDM ist derzeit an Popularität kaum zu überbieten. Gemeint ist damit nicht die Anzahl an Chart-Platzierungen oder Größe der Festivals. Die Bereitschaft, viel Arbeit zu investieren, um selbst eines Tages den Traum des Star-Produzenten / -DJs leben zu können, ist weiter verbreitet als je zuvor. In einem so hart umkämpften Geschäft bleibt manchmal derjenige auf der Strecke, der es vielleicht eher verdient hätte.
Dennoch bleibt auch Gutes festzuhalten. Wo früher nur diejenigen mit Zugang zu einem professionellen Tonstudio Musik produzieren konnten, steht einem jeden mit Laptop oder PC der Weg offen.


Anmerkung: Unter EDM werden in diesem Artikel alle elektronischen Genres gefasst. Dazu zählen ebenfalls bspw. Hardstyle oder Psy, da kein plausibler Grund dafür existiert, ihnen den Charakter der elektronischen Tanzmusik (EDM) abzusprechen.

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Über den Autor
Jonas Vieten

Ich bin Jonas Vieten und seit Oktober 2017 Teil der Redaktion. Bereits als Leser habe ich mich täglich auf neue Artikel und News rund um EDM gefreut. Nun auf der Seite der Verfasser sein zu dürfen, macht mich sehr froh. Ich hoffe, eines Tages im Musik-Business – bevorzugt als DJ – arbeiten zu können. Neben Bigroom-Feuerwerk oder chilligen Future-House-Beats können Film-Soundtracks mich ebenfalls begeistern.

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